Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (li.) und Dirk Oschmann, Germanist, Literaturwissenschaftler und Publizist. 3 min
Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (l) und Dirk Oschmann (r) auf den Medientagen Mitteldeutschland. Bildrechte: IMAGO/epd
3 min

Autor Dirk Oschmann auf den Mitteldeutschen Medientagen

MDR AKTUELL Do 03.04.2025 06:21Uhr 03:08 min

https://www.mdr.de/mdr-aktuell-nachrichtenradio/audio/audio-2903490.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Medientage Mitteldeutschland Diffamierung und Ignoranz – die Berichterstattung über den Osten

03. April 2025, 06:24 Uhr

Auf den Mitteldeutschen Medientagen hat Literaturprofessor Dirk Oschmann, der das Buch "Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung" geschrieben hat, seine Kritik wiederholt: Westdeutsche Medien drückten dem Osten ständig einen Stempel auf. Entweder werde er diffamiert oder einfach ignoriert. Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff kritisiert die Berichterstattung über den Osten und nennt zugleich einen Grund dafür.

Christian Erll
Bildrechte: Marcus Heim

Wenn der Leipziger Literaturprofessor Dirk Oschmann vor vollem Saal über Medien spricht und darüber, wie sie den Osten darstellen, macht er sofort klar: Es gibt wenig Anlass zu guter Laune: "Es gibt zwei Strategien, die sich herausgebildet haben im Blick auf den Osten. Nämlich zum einen, den Osten zu diffamieren, das ist die beliebteste Strategie. Und die zweite ist das Ignorieren."

Seine These, die überregionalen Medien berichteten noch immer durch eine westdeutsche Brille, belegt er auf den Mitteldeutschen Medientagen mit vielen Text- und Bild-Beispielen. Aus dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" kommen besonders viele und ein besonders beschämendes von 1990, in dem ein Reporter eine Menschenschlange vor einem Aldi in einer ostdeutschen Stadt beschreibt. Der Ton: Durchgehend herablassend – richtiggehend angeekelt.

Auch aktuellere Berichterstattung klinge oft noch ähnlich, sagt Oschmann. Und derartige Pauschalisierungen könnten nur von Medien kommen, die keine Regionalbüros in den ostdeutschen Bundesländern hätten – teils bis heute nicht.

Spiegel: Haben uns weiterentwickelt

Zumindest in diesem Punkt kann Maria Fiedler ihr Medium verteidigen. Fiedler ist Jahrgang 1989, in Chemnitz geboren und leitet stellvertretend das Spiegel-Hauptstadtbüro. Der Blick auf den Osten habe sich bei ihnen aber durchaus geändert, sagt sie auf der anschließenden Podiumsdiskussion: "Ich würde sagen, wir haben uns seitdem weiterentwickelt. Wir haben tolle Kolleginnen und Kollegen, die im Osten sind, dort leben, von dort berichten, mit denen ich eng zusammengearbeitet habe in der Ostberichterstattung und auch jetzt bei den Landtagswahlen."

Cover Hinter der Recherche Osten in den Medien 37 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
37 min

Jammerossi“, „Zonen-Gaby“ – Wie hat sich das Bild der Ostdeutschen in den Medien über die Jahre verändert? Anett Friedrich und Martin Kopplin sprechen über Klischees, und warum ein differenzierter Blick wichtig ist.

MDR FERNSEHEN Do 26.12.2024 15:00Uhr 37:25 min

https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/mdr-investigativ/video-887266.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Haseloff: Diffamierung nimmt zu

Reiner Haseloff, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident, widerspricht. Diffamierung und Ignoranz seien eher schlimmer geworden. Der Grund dafür? Er liege dort, wo die überregionalen Zeitungen und Sender sitzen. Nämlich nicht hier: "Es gibt kein Medium – nicht mal die Super Illu – die in irgendeiner Weise gesellschaftsrechtlich, eigentümermäßig, vom Hauptsitz her, vom Konzernsitz her in Ostdeutschland sitzt."

Den MDR als lokalen und regionalen Sender nimmt Haseloff zwar explizit aus. Kritisiert aber gleichzeitig, dass dessen Programm in der Sendergemeinschaft ARD oft untergehe – die damit die Akzeptanz im Osten weiter untergrabe.

Ost-Klischees: Stasi, Doping, Mauer

Wie also kann ein positiveres Bild des Ostens vermittelt werden, das nicht nur die drei ewig gleichen Klischees "Stasi, Doping, Mauer" bedient – oder irgendwas mit Nazis? Das wichtigste sei der Wille, sagt Literaturprofessor Oschmann: "Das ist wie mit der Verkehrswende. Wenn Sie die Verkehrswende haben wollen, kriegen Sie sie. Wenn Sie sie nicht haben wollen, kriegen Sie sie nicht. Gucken Sie sich an, was die Bürgermeisterin in Paris macht, dass sie einfach mal 500 Straßen für den Autoverkehr sperrt, das finde ich als Fahrradfahrer grandios."

Dieses Umsteuern müsste in den Medien auch stattfinden, sagt Oschmann. "Nämlich sich darauf einzulassen, vorurteilsfrei, fair und respektvoll zu berichten." Solange die Medienhäuser und auch viele Chefinnen und leitende Redakteure noch aus Westdeutschland kommen und überwiegend von dort berichten, sei es aber noch ein weiter Weg.

Kultur

Charlotte Gneuss, Dirk Oschmann und Ingo Schulze mit Audio
Charlotte Gneuß, Dirk Oschmann und Ingo Schulze haben sie auch 2024 wieder mitgeprägt: die Debatte über DDR-Geschichte und Ost-Identität. Bildrechte: Collage: picture alliance/dpa|Christian Charisius / dpa/Jakob Weber / imago images/Sabine Gudath

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 03. April 2025 | 06:17 Uhr

Mehr aus Panorama

Nachrichten

Spaziergänger schauen sich einen nachgebauten Wachturm aus der Römerzeit an 4 min
Bildrechte: picture alliance/dpa/Roberto Pfeil
Fahrschule 4 min
Bildrechte: picture alliance/dpa | Armin Weigel

Mehr aus Deutschland