Medientage Mitteldeutschland Diffamierung und Ignoranz – die Berichterstattung über den Osten
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03. April 2025, 06:24 Uhr
Auf den Mitteldeutschen Medientagen hat Literaturprofessor Dirk Oschmann, der das Buch "Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung" geschrieben hat, seine Kritik wiederholt: Westdeutsche Medien drückten dem Osten ständig einen Stempel auf. Entweder werde er diffamiert oder einfach ignoriert. Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff kritisiert die Berichterstattung über den Osten und nennt zugleich einen Grund dafür.
- Laut dem Literaturprofessor Dirk Oschmann berichten überregionale Medien über den Osten immer noch mit einer westdeutschen Brille.
- Ein Grund dafür ist laut Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff, dass kaum Zeitungen und Sender ihren Sitz in Ostdeutschland haben.
- Oschmann fordert eine vorurteilsfreie, faire und respektvolle Berichterstattung über Ostdeutschland.
Wenn der Leipziger Literaturprofessor Dirk Oschmann vor vollem Saal über Medien spricht und darüber, wie sie den Osten darstellen, macht er sofort klar: Es gibt wenig Anlass zu guter Laune: "Es gibt zwei Strategien, die sich herausgebildet haben im Blick auf den Osten. Nämlich zum einen, den Osten zu diffamieren, das ist die beliebteste Strategie. Und die zweite ist das Ignorieren."
Seine These, die überregionalen Medien berichteten noch immer durch eine westdeutsche Brille, belegt er auf den Mitteldeutschen Medientagen mit vielen Text- und Bild-Beispielen. Aus dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" kommen besonders viele und ein besonders beschämendes von 1990, in dem ein Reporter eine Menschenschlange vor einem Aldi in einer ostdeutschen Stadt beschreibt. Der Ton: Durchgehend herablassend – richtiggehend angeekelt.
Auch aktuellere Berichterstattung klinge oft noch ähnlich, sagt Oschmann. Und derartige Pauschalisierungen könnten nur von Medien kommen, die keine Regionalbüros in den ostdeutschen Bundesländern hätten – teils bis heute nicht.
Spiegel: Haben uns weiterentwickelt
Zumindest in diesem Punkt kann Maria Fiedler ihr Medium verteidigen. Fiedler ist Jahrgang 1989, in Chemnitz geboren und leitet stellvertretend das Spiegel-Hauptstadtbüro. Der Blick auf den Osten habe sich bei ihnen aber durchaus geändert, sagt sie auf der anschließenden Podiumsdiskussion: "Ich würde sagen, wir haben uns seitdem weiterentwickelt. Wir haben tolle Kolleginnen und Kollegen, die im Osten sind, dort leben, von dort berichten, mit denen ich eng zusammengearbeitet habe in der Ostberichterstattung und auch jetzt bei den Landtagswahlen."
Haseloff: Diffamierung nimmt zu
Reiner Haseloff, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident, widerspricht. Diffamierung und Ignoranz seien eher schlimmer geworden. Der Grund dafür? Er liege dort, wo die überregionalen Zeitungen und Sender sitzen. Nämlich nicht hier: "Es gibt kein Medium – nicht mal die Super Illu – die in irgendeiner Weise gesellschaftsrechtlich, eigentümermäßig, vom Hauptsitz her, vom Konzernsitz her in Ostdeutschland sitzt."
Den MDR als lokalen und regionalen Sender nimmt Haseloff zwar explizit aus. Kritisiert aber gleichzeitig, dass dessen Programm in der Sendergemeinschaft ARD oft untergehe – die damit die Akzeptanz im Osten weiter untergrabe.
Ost-Klischees: Stasi, Doping, Mauer
Wie also kann ein positiveres Bild des Ostens vermittelt werden, das nicht nur die drei ewig gleichen Klischees "Stasi, Doping, Mauer" bedient – oder irgendwas mit Nazis? Das wichtigste sei der Wille, sagt Literaturprofessor Oschmann: "Das ist wie mit der Verkehrswende. Wenn Sie die Verkehrswende haben wollen, kriegen Sie sie. Wenn Sie sie nicht haben wollen, kriegen Sie sie nicht. Gucken Sie sich an, was die Bürgermeisterin in Paris macht, dass sie einfach mal 500 Straßen für den Autoverkehr sperrt, das finde ich als Fahrradfahrer grandios."
Dieses Umsteuern müsste in den Medien auch stattfinden, sagt Oschmann. "Nämlich sich darauf einzulassen, vorurteilsfrei, fair und respektvoll zu berichten." Solange die Medienhäuser und auch viele Chefinnen und leitende Redakteure noch aus Westdeutschland kommen und überwiegend von dort berichten, sei es aber noch ein weiter Weg.
Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 03. April 2025 | 06:17 Uhr