Symbolbild: Handschellen liegen auf einem Steinboden
Seit 2021 nimmt die Zahl der registrierten Straftaten in Deutschland laut der Polizeilichen Kriminalstatistik zu. Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Kriminalstatistik Wo die Polizei die meisten Gewalttaten, Einbrüche und Autodiebstähle registriert

04. April 2025, 11:09 Uhr

In Halle leben besonders viele Gewalttäter, in Sonneberg die Einbrecher und an der Grenze zu Polen die Autodiebe: So zumindest legt es die Polizeiliche Kriminalstatistik nahe. Doch die Aussagekraft der Zahlen hält sich in Grenzen. Warum das so ist und was sie trotzdem über Kriminalität in Mitteldeutschland verraten – eine Einordnung mit Daten und Grafiken.

Porträt David Wünschel
Bildrechte: David Wünschel

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) liefert jedes Jahr einen Überblick, wie sich die Zahl der erfassten Straftaten in Deutschland entwickelt. Am Mittwoch haben Bundesinnenministerium und Bundeskriminalamt die neuen Zahlen für 2024 vorgestellt. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hatten die Landesregierungen ihre Statistiken bereits zuvor veröffentlicht.

MDR Data hat die PKS-Zahlen gemeinsam mit Frank Asbrock, Direktor des Zentrums für kriminologische Forschung Sachsen (ZKFS), ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, wo die meisten Gewalttaten, Autodiebstähle, Sexualdelikte und Einbrüche erfasst werden – und was sich aus der PKS über die Sicherheitslage in Mitteldeutschland ablesen lässt.

1. Straftaten insgesamt

Von 2021 bis 2023 ist die Zahl der registrierten Straftaten in Deutschland gestiegen. Für 2024 zeigt die PKS einen leichten Rückgang, was nach Angaben des Bundeskriminalamts auf die Teillegalisierung von Cannabis zurückzuführen ist. Besonders auffällig an den Zahlen für die mitteldeutschen Bundesländer: In Sachsen-Anhalt werden deutlich mehr Straftaten erfasst als in Thüringen oder Sachsen.

Kriminologe Asbrock zufolge ist es durchaus möglich, dass in Sachsen-Anhalt auch mehr Straftaten verübt werden. Es könne aber ebenso sein, dass die Polizei dort strenger kontrolliert oder dass Bürgerinnen und Bürger eher Anzeige erstatten. "Aus diesen Zahlen lässt sich jedenfalls nicht schließen, dass Sachsen-Anhalt krimineller ist als andere Bundesländer."

Die PKS steht seit Jahren in der Kritik, weil sie nicht das tatsächliche Kriminalitätsgeschehen abbildet, sondern nur die polizeilich ermittelten Straftaten – also das sogenannte Hellfeld. Das weitaus größere Dunkelfeld bleibt aber unberücksichtigt, ebenso wie die Tatsache, dass nur ein kleiner Teil der Tatverdächtigen am Ende auch verurteilt wird.

Prof. Dr. Frank Asbrock
Frank Asbrock leitet das Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen. Bildrechte: Technische Universität Chemnitz/ Jacob Müller

Mehr zu den Daten

Das Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlicht jährlich Daten zur registrierten Kriminalität in Deutschland. Für 2024 liegen bislang nur bundesweite Zahlen vor. Die PKS-Daten auf Ebene der Bundesländer stammen aus den jeweiligen Landesveröffentlichungen. Daten auf Kreisebene stellt das BKA traditionell erst später bereit. Daher basieren alle Karten in dieser Analyse auf den Daten für das Jahr 2023.

Ausländerrechtliche Verstöße – etwa unerlaubte Einreise oder Falschangaben bei Visa – wurden aus den Grafiken zur Gesamtzahl der Straftaten ausgeklammert. Diese Delikte können ausschließlich von Ausländern begangen werden und haben keinen direkten Einfluss auf die öffentliche Sicherheit in Deutschland.

Für das Jahr 2023 hat das Bundeskriminalamt auch Daten auf Ebene der 400 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte veröffentlicht. Im bundesweiten Vergleich verzeichnete Neumünster in Schleswig-Holstein die meisten Straftaten pro Kopf. In Mitteldeutschland liegt Halle seit Jahren an der Spitze.

Die Deutschlandkarte zeigt ein klares Muster: In Städten ist die Kriminalitätsrate deutlich höher als in ländlichen Regionen. "Im urbanen Raum gibt es in der Regel mehr Polizei, mehr Nachbarn, mehr potenzielle Zeugen – Straftaten werden deshalb eher angezeigt", sagt Asbrock. Zudem lebten dort mehr junge Menschen, die Anonymität sei größer, und es gebe mehr sozial benachteiligte Viertel. All das erhöhe die Wahrscheinlichkeit für Straftaten.

2. Gewaltkriminalität

Wenn in Deutschland über Sicherheit gesprochen wird, liegt ein besonderer Fokus meist auf der Gewaltkriminalität. Dazu zählen unter anderem Mord, Totschlag, gefährliche Körperverletzung, Raub und Vergewaltigung. In den vergangenen drei Jahren haben die registrierten Fälle zugenommen. Das Niveau liegt aber immer noch unter dem von vor 20 Jahren.

Gewaltkriminalität gilt als besonders schwer zu erfassen – viele Taten werden nicht angezeigt. Entsprechend groß ist das Dunkelfeld. Das bedeutet: Die PKS-Zahlen sind mit Unsicherheiten behaftet, sie bieten kein verlässliches Abbild der Realität.

Deshalb führen Kriminologen Studien durch, in denen sie das Dunkelfeld beleuchten. Asbrock zufolge legen diese Studien nahe, dass zumindest die Jugendgewalt leicht zunimmt. Einige ostdeutsche Städte wie Dresden und zwischenzeitlich auch Halle haben deshalb Sonderkommissionen eingerichtet. "Dadurch erhöht sich natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass Straftaten erfasst werden", sagt Asbrock – was wiederum einen Anstieg der offiziellen Fallzahlen nach sich zieht.

Was sich aus den PKS-Zahlen aber klar ablesen lässt: In Süddeutschland und vor allem in Bayern werden weniger Gewalttaten registriert als im Rest des Landes. "Die wirtschaftliche Lage ist dort besonders gut, das senkt das Risiko für Gewalt", sagt Asbrock.

3. Autodiebstähle

Autodiebstähle werden sehr häufig angezeigt, das Dunkelfeld ist vergleichsweise klein. Spitzenreiter bei den Fallzahlen sind Berlin, Teile Brandenburgs und der Landkreis Görlitz. "Es ist eindeutig, dass dort mehr Autos gestohlen werden als anderswo", sagt Asbrock.

Daraus lasse sich jedoch keinesfalls schließen, dass in Berlin und Görlitz besonders viele Autodiebe leben. "Viele dürften aus osteuropäischen Ländern stammen", sagt Asbrock. Auch bei anderen Delikten wie Drogenkriminalität und Schmuggel sei es ein bekanntes Muster in der Kriminologie, dass es eine Häufung in Grenzregionen gebe.

4. Sexualstraftaten

Zur Gewaltkriminalität zählen auch Sexualstraftaten wie Vergewaltigungen, sexuelle Nötigung und schwere sexuelle Übergriffe. Hier ist die Interpretation der PKS-Zahlen besonders heikel. Ein Grund: Die Reform des Sexualstrafrechts im Jahr 2016 hat einige Straftatbestände wie den der Vergewaltigung ("Nein heißt Nein") deutlich ausgeweitet, was möglicherweise zu einem Anstieg der registrierten Fälle geführt hat. Zum anderen wird nur ein Bruchteil der Taten angezeigt. Das Dunkelfeld ist also besonders groß.

Seit 2018 steigt die Zahl der schweren Sexualstraftaten. Asbrock führt das auf eine zunehmende Anzeigebereitschaft zurück: "Opfer und Angehörige trauen sich heute womöglich eher, gegen die Täter vorzugehen."

In Sachsen-Anhalt ist die Zahl der registrierten Fälle mehr als doppelt so hoch wie in Thüringen. Über den Grund lasse sich nur spekulieren: "Es könnte sein, dass Opfer dort bessere Möglichkeiten für Anzeigen haben", sagt Asbrock. Generell hätten sich die Hilfsstrukturen in den vergangenen Jahren verbessert.

5. Einbrüche

Bei den Wohnungseinbrüchen ist das Dunkelfeld sehr klein, die meisten Straftaten führen auch zu Anzeigen. Besonders hohe Einbruchsraten meldet die PKS für Bremen, Berlin und einige Städte im Ruhrgebiet. "Wo viele Menschen anonym zusammenleben, ist die Wahrscheinlichkeit für Einbrüche höher", sagt Asbrock. Auf dem Land sei die soziale Kontrolle stärker: "Da fällt es eher auf, wenn Unbekannte in der Nachbarschaft auftauchen."

Eine Ausnahme ist Sonneberg in Thüringen. Hier registrierte die Polizei 2023 pro Kopf mehr Einbrüche als beispielsweise in Hamburg oder Frankfurt. Allerdings handelt es sich um eine Ausnahme: Im Vergleich zu 2022 vervierfachte sich die Einbruchsrate in Sonneberg. Nach Angaben der Landespolizeiinspektion Saalfeld ist der starke Anstieg auf ein Sammelverfahren gegen einen 20-jährigen Mann zurückzuführen, der zwischen Januar und September nahezu täglich Einbrüche begangen haben soll – offenbar, um seinen Lebensunterhalt und seinen Drogenkonsum zu finanzieren.

In den Jahren zuvor lag die Einbruchsrate in Mitteldeutschland durchgängig in Halle am höchsten.

6. Fazit

Insgesamt liegt die Zahl der erfassten Straftaten heute in etwa auf dem Niveau von vor der Pandemie. Verglichen mit den Nullerjahren ist sie deutlich gesunken. "Auch Dunkelfeldstudien zeigen eher einen Rückgang der Kriminalität", sagt Asbrock. "Was wir definitiv nicht sehen: dass die Gewalt in Deutschland langfristig zugenommen hat."

Trotzdem haben viele Menschen das Gefühl, dass das Land unsicherer wird, dass vielleicht sogar etwas kippt. Dieses Auseinanderklaffen von Wahrnehmung und Realität sei ein bekanntes kriminologisches Phänomen, sagt Asbrock. "Die gefühlte Unsicherheit hat oft wenig mit den tatsächlichen Zahlen zu tun."

Ein möglicher Grund: die Krisen der vergangenen Jahre. Corona, Ukrainekrieg, Klimawandel – all das verunsichere viele Menschen, sagt Asbrock. "Wenn man das Gefühl hat, in unsicheren Zeiten zu leben, dass alles immer schwieriger wird, dann steigt vielleicht auch die Furcht vor Kriminalität."

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MDR (Maximilian Schörm, David Wünschel) | Erstmals veröffentlicht am 03.04.2025

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 03. April 2025 | 12:00 Uhr

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