Drei Walker halten sich fit
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Nationale Herz-Kreislauf-Strategie Mediziner fordern bessere Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen

01. April 2025, 10:07 Uhr

Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören in Deutschland zu den häufigsten Todesursachen. Doch das müsste nicht so sein. Eine aktuelle Studie zeigt etwa, dass Menschen, die keinen der fünf großen Risikofaktoren haben, mehr als zehn Jahre länger leben als diejenigen mit diesen Vorerkrankungen. Medizinerinnen und Mediziner sagen jedoch, all das ist behandelbar und vor allem vermeidbar – und fordern von der Politik eine bessere Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Porträtaufnahme einer weißen Frau mit zurückgebundenen Haaren, einer großen Brille und grüner Bluse
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Bluthochdruck, ein zu hoher Cholesterinwert, Über- oder Untergewicht, Diabetes und Nikotinkonsum sind die "Big Five" – die fünf Risikofaktoren, die entscheidenden Einfluss darauf haben, ob bzw. wann jemand eine Herz-Kreislauf-Erkrankung entwickelt. Wer mit 50 Jahren nichts davon aufweist, lebt nicht nur länger, sondern entwickelt auch deutlich später eine solche Erkrankung, belegte jetzt eine umfassende Studie unter Leitung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf mit mehr als zwei Millionen Daten aus 39 Ländern.

"Die Studie zeigt, dass kardiovaskuläre Erkrankungen – die Todesursache Nummer eins in Deutschland – zum Großteil vermeidbar wären", fasst Oliver Weingärtner, Oberarzt am Universitätsklinikum Jena, die Ergebnisse zusammen. Sie unterstreicht also deutlich, was Medizinerinnen und Mediziner eigentlich bereits wissen: Um Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verhindern, braucht es mehr Prävention. "Leider wird derzeit der Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen nur eine untergeordnete Bedeutung beigemessen, indem nur circa ein Prozent des Budgets für kardiovaskuläre Medizin auf das Konto der Prävention einzahlt“, so der Kardiologe."

Wir geben in Deutschland das Geld für kardiovaskuläre Medizin erst dann aus, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Prof. Dr. Oliver Weingärtner, Universitätsklinikum Jena

Es wäre gesundheitspolitisch effektiver, die Erkrankung gänzlich zu verhindern, anstatt sie erst zu behandeln, wenn sie manifest werde und viele schon das Leben gekostet habe, adressiert der Jenaer Mediziner den Elefanten im Raum. Doch in Deutschland gab es bisher nur wenige Anstrengungen der Politik, die Vorsorge per Gesetz systematisch zu verbessern. Die jüngste Initiative kam mit dem Entwurf für ein "Gesundes-Herz-Gesetz" von Ampel-Gesundheitsminister Karl Lauterbach.

Der Gesetzesentwurf wurde sogar vom Bundeskabinett verabschiedet, schaffte es aber nicht mehr durch den parlamentarischen Prozess. Mittlerweile ist der Bundestag neu gewählt und die nächste Bundesregierung muss entscheiden, ob und wie sie diese Gesetzesinitiative noch einmal aufgreift. Der Entwurf für das GHG sah unter anderem vor, Risikofaktoren durch erweiterte Früherkennungsuntersuchungen zu identifizieren. Außerdem waren gestaffelte Check-ups für Erwachsene sowie eine verstärkte Einbindung von Apotheken in die Beratung sowie ein einfacherer Zugang zu Medikamenten zur Cholesterinsenkung vorgesehen. Und auch die Tabakentwöhnung sollte erleichtert werden. Allerdings traf der Gesetzesentwurf auch auf Kritik.

Größte Hebel Blutdruck und Rauchen

Eine für Fachleute besonders bemerkenswerte Erkenntnis aus der neuen Studie, ist die große Rolle von Blutdruck und Nikotin. "In dieser Studie scheinen die arterielle Hypertonie und das Rauchen die Haupttreiber der 'verlorenen' Lebensjahre zu sein", sagt Katrin Gebauer, Leiterin des Zentrums für Prävention von Herz- und Gefäßerkrankungen am Universitätsklinikum Münster. Es habe offenbar eine besondere Bedeutung, wenn nicht geraucht und der Blutdruck optimal reguliert werde. "Leider wissen wir, dass gerade auch in Deutschland trotz erheblicher Investitionen im Gesundheitswesen die Risikofaktorerkennung und deren Behandlung vor Auftreten einer atherosklerosebedingten Erkrankung zu spät und zu wenig stringent erfolgt", bemängelt Gebauer. "Gerade auch im internationalen Vergleich kostet uns das in Deutschland einige Jahre an Lebenserwartung."

Insbesondere das Rauchen ist ein Punkt, der Ulrich Laufs, dem Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig, wichtig ist. "Die Daten unterstützen unter anderem nachdrücklich die dringende Forderung nach politischen Maßnahmen zur Reduktion des Rauchens", so der Mediziner. Das gelte ganz besonders für Jugendliche und Menschen im jüngeren Lebensalter.

Elektronisches Blutdruckmessgerät, Stethoskop und rotes Herz auf weißem Hintergrund. 1 min
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Früher starb rund jeder Zweite in Sachsen-Anhalt infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Seit Jahren sterben weniger daran.

MDR SACHSEN-ANHALT Sa 22.02.2025 10:00Uhr 00:34 min

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Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, der Leipziger Medizin-Professor Holger Thiele, betont: "Diese Arbeit ist von großer Bedeutung, da sie zeigt, dass man mit rund 50 Jahren noch einiges an seinem Lebensstil beziehungsweise in der Prävention auf individuellem Level ändern kann, um damit seine Lebenserwartung relevant zu beeinflussen." Insbesondere in Deutschland seien die großen Risikofaktoren – Rauchen, Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und erhöhter Cholesterinwert – im Vergleich zu anderen europäischen Ländern in der Bevölkerung deutlich überrepräsentiert, so Thiele.

Fachleute fordern größeren Fokus auf Prävention

Die Medizinerinnen und Mediziner betonen: Die Situation müsste nicht so dramatisch sein, wie sie aktuell ist. "Sämtliche hier erwähnte Risikofaktoren sind zuallererst durch Lebensstilmodifikationen zu adressieren", sagt etwa Kardiologin Gebauer. "Hierzu zählen eine ausgewogene, herzgesunde Ernährung, eine regelmäßige körperliche Aktivität sowie ein Nikotinverzicht." Allerdings sei das nicht in allen Bevölkerungsgruppen ausreichend bekannt. Deshalb müsse besser informiert werden, fordert die Medizinerin. "Niederschwellige Bildungsangebote bereits beginnend in der Kita oder im Kindergarten sowie in den Grund- und weiterführenden Schulen sind essenzielle Bestandteile, allen Menschen Informationen zur Gesunderhaltung zuteilwerden zu lassen."

"Die in dieser Studie untersuchten Risikofaktoren sind nicht nur häufig, sondern auch einfach zu diagnostizieren und effektiv und mit verhältnismäßig geringem Aufwand zu behandeln", erklärt Stephan Baldus von der Uniklinik Köln. "In Deutschland wird eine auf Prävention fokussierte Gesundheitsversorgung bisher aber nur ungenügend umgesetzt." In anderen Ländern wie etwa in Großbritannien sei man da schon deutlich weiter, so der Kardiologe. Schon seit 2009 gebe es hier den "NHS Health Check" zur Früherkennung. "Und es gibt Hinweise für eine Prognoseverbesserung der Teilnehmer dieser Präventionsmaßnahme", so Baldus.

Bluthochdruck ist exzellent behandelbar, Rauch-Stopp ist machbar, diagnostizierter Diabetes, eine diagnostizierte Hypercholesterinämie und Übergewicht sind behandelbar.

Prof. Dr. Andreas Zeiher, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Die Münsteraner Kardiologin Gebauer spricht noch einen Punkt an, bei dem es in der deutschen Politik bisher wenig Bewegung gab: "Nicht zuletzt, und das gilt auch für globale Anstrengungen, ist eine Regulierung von krankmachenden Zusätzen wie Zucker, Salz und gesättigten Fetten in industriell gefertigten Nahrungsmitteln vonnöten." Auch sie verweist hier auf Großbritannien, das bereits eine Zuckersteuer eingeführt hat. Dadurch sei der Zuckeranteil bei industriell hergestellten Lebensmitteln deutlich gesunken. "Damit ließe sich die Pandemie der kardiovaskulären Risikofaktoren adressieren, wenngleich auch dem Einzelnen eine Eigenverantwortung zukommt", so Gebauer.

Kommt die nationale Herz-Kreislauf-Strategie?

Außerdem fordert Gebauer ein Screening auf kardiovaskuläre Risikofaktoren zu bestimmten Zeitpunkten im Leben, wie es bereits im Gesunden-Herz-Gesetz vorgeschlagen worden sei. Das müsse Teil einer Strategie zur Bekämpfung der "Big Five" sein. Auch der Leipziger Kardiologie-Professor Thiele spricht davon, dass es eine nationale Strategie brauche: "In Deutschland muss viel mehr in die individuelle aber auch Verhältnisprävention investiert werden. Der Ansatz des Gesunden-Herz-Gesetzes zielte hier in Teilen schon in die richtige Richtung. Was Deutschland aber braucht, ist eine nationale Herz-Kreislauf-Strategie." Die Vorschläge dafür seien von der Nationalen Herz-Kreislauf-Initiative ausführlich wissenschaftlich begründet und lägen allen Parteien vor, betont Laufs vom Universitätsklinikum Leipzig.

Einig sind sich die Fachleute darin, dass die bisherigen Bemühungen, kardiovaskuläre Erkrankungen zu vermeiden, nicht ausreichend sind. Sie fordern deshalb von der neuen Bundesregierung, dass sie erneut die Initiative ergreift. "Das gilt es jetzt in einen neuen Koalitionsvertrag einer neuen Regierung aufzunehmen", sagt etwa Kardiologe Thiele. Ziel müsse es sein, dass eine nationale Strategie einen Fokus auf individuelle Prävention mit Früherkennungsmaßnahmen, aber auch strukturelle Interventionen – wie zum Beispiel einer Erhöhung der Tabaksteuer – setze. "Es ist sehr zu hoffen, dass diese parteiübergreifenden und wissenschaftlich eindeutigen Maßnahmen Eingang in die aktuellen Koalitionsverhandlungen finden", fasst der Leipziger Laufs das Anliegen der Medizinerinnen und Mediziner zusammen.

Links/Studien

Magnussen, Christina et al.: Global effect of cardiovascular risk factors on lifetime estimates. In: New England Journal of Medicine. 2025. DOI: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2415879.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR Thüringen Journal | 31. März 2025 | 07:06 Uhr

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