Menschen halten während einer Demonstration Plakate in der Hand.
Demo vor dem Thüringer Landtag gegen die geplante Reform der Schulordnung. Bildrechte: MDR/Alba-Marie Schmidt

Analyse Vom Schulfrieden zum Schulstreit - die geplante Schulordnungsreform in Thüringen

02. April 2025, 05:00 Uhr

Die neue Thüringer Landesregierung will ran an die Schulordnung. Kopfnoten für alle und Sitzenbleiben in jeder Klassenstufe nach der Grundschule. Dagegen formiert sich Widerstand. Besonders die Gemeinschaftsschulen in Thüringen sehen ihr Schulkonzept bedroht.

Text-Bild-Kombination mit Moderator Lars Sänger und dem Schriftzug "MDR Thüringen Journal"
Bildrechte: MDR/Hagen Wolf

Ein leiser Plan - und erste Fragen

Es begann wie so vieles in der Politik - leise und unbeobachtet. Jedenfalls muss die Arbeit an einer geänderten Schulordnung eine der ersten Amtshandlungen von Thüringens neuem Bildungsminister gewesen sein.

Christian Tischner (CDU), einst selbst Lehrer und schon vor der Minister-Kür überparteilich anerkannter Fachmann auf seinem Gebiet, hat keine Zeit verloren, zumindest seinen Teil der im Koalitionsvertrag vereinbarten Vorhaben zügig umzusetzen. Noch nicht mal 100 Tage im Amt, legte Tischner erste Pläne vor. Zentrales Ziel: Eine geänderte Schulordnung, die das System vergleichbarer und effizienter machen soll.

Doch was schnöde und nüchtern als "Verordnungsänderung" begann, sollte sich bald zu einem der größten bildungspolitischen Streits der vergangenen Jahre entwickeln. Denn mit den ersten Andeutungen wurde klar: Die geplanten Änderungen betreffen nicht nur Randbereiche. Sie zielen auf das Herzstück vieler Thüringer Schulen - ihre pädagogische Freiheit. Konkret geht es um zwei Hauptpunkte: Die Einführung von Kopfnoten in fast allen Klassenstufen und verpflichtende Versetzungsentscheidungen ab Klasse 6.

Was bisher gilt

Um zu verstehen, warum die geplante Änderung viele Gemüter erhitzt, muss man sich die bisherige Praxis vor Augen führen. Thüringen war - und ist bis heute - in vielen Punkten ein Sonderfall. An vielen Gemeinschaftsschulen etwa gibt es bis Klasse 7 keine Ziffernnoten. Zumindest nicht zwingend. Stattdessen erhalten die Schüler sogenannte Lernentwicklungsberichte - ausführliche schriftliche Rückmeldungen zu ihrem individuellen Lernfortschritt. Versetzungsentscheidungen spielen erst ab der 8. Klasse eine Rolle.

Die Entstehung dieser Regelungen war kein Zufall, sondern Ausdruck eines bildungspolitischen Grundverständnisses vor allem von SPD und Linken: Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell. Pädagogik sei kein Wettkampf, sondern ein individueller Prozess. Reformpädagogische Schulen - etwa Jenaplan- oder Montessorischulen - profitierten besonders von dieser Flexibilität. Viele Eltern wählten diese Einrichtungen bewusst, um ihren Kindern einen weniger leistungsfixierten Zugang zum Lernen zu ermöglichen.

Was künftig gelten soll

Jetzt hat die CDU das Bildungsressort übernommen, und das bringt einen Paradigmen-Wechsel mit sich. Die geänderte Schulordnung aus der Feder des neuen Ministers firmiert unter dem Schlagwort "Fördern und Fordern". Hardliner drücken es anders aus: Weg mit dem Kuschelkurs und hin zum Leistungsgedanken. Künftig sollen alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend ab Klasse 6 benotet werden, auch an den Gemeinschaftsschulen. Ebenfalls ab Klasse 6 sollen verpflichtende Versetzungsentscheidungen fallen. Heißt: Wer nicht genügend leistet, muss wiederholen. Dazu sieht die neue Schulordnung Kopfnoten von Klasse 1 bis 9 vor, also das Bewerten von Verhalten und Mitarbeit.

Protest regt sich

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Besonders die Gemeinschaftsschulen in Thüringen - über 80 an der Zahl - sehen ihre Autonomie bedroht. Ihre Schulkonzepte basieren auf jahrgangsübergreifendem Lernen, individueller Förderung und dem Verzicht auf frühe Notenvergabe. Viele dieser Schulen geben bis einschließlich der 7. Klasse keine Ziffernnoten. Eine Versetzungsentscheidung ab Klasse 6 ist mit diesem Ansatz schlicht unvereinbar.

In Weimar, Jena, Erfurt und anderen Städten kam es in den Tagen nach der Veröffentlichung des Entwurfs zu Demonstrationen. Schüler hielten Plakate in die Höhe: "Ich will lernen, keine Noten jagen", "Kopfnoten? Erst mal Kopf einschalten". Es waren keine Massenproteste, aber sie waren laut, bunt und entschlossen. Und sie zeigten: Bildung ist emotional - besonders, wenn es um Kinder geht.

Auch innerhalb der Regierungskoalition rumorte es. Während CDU und Bildungsminister Tischner unbeirrt an den Plänen festhalten, äußerte sich die SPD zunehmend kritisch. Lutz Liebscher, Fraktionsvorsitzender im Landtag und Vater zweier Kinder an einer Gemeinschaftsschule, stellte sich offen gegen die Reform. Die SPD, so versprach er auf einer Demonstration, werde "ihre bildungspolitischen Überzeugungen nicht opfern". Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) wiederum zeigt Verständnis für den Kurs der CDU. Fazit: Innerhalb der "Brombeer-Koalition" tut sich momentan ein tiefer bildungspolitischer Graben auf.

Kritik an Konzept und Sitzenbleiben

Während sich der öffentliche Protest langsam formierte, meldeten sich auch erste Expertinnen und Experten aus der Bildungsforschung zu Wort. Einer der prominentesten: Alexander Gröschner von der Universität Jena. Als Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik und Unterrichtsforschung brachte der Professor in einem MDR-Interview eine klare Haltung ein: "Was will man mit Kopfnoten eigentlich erreichen?" Aus Gröschners Sicht gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass Kopfnoten positive Effekte auslösen.

Interessant ist in diesem Kontext die Haltung der beiden großen Lehrerverbände. Der Thüringer Lehrerverband (TLV) beispielsweise begrüßt die geplante Einführung von Versetzungsentscheidungen ab Klasse 6. Man verspreche sich davon eine frühzeitigere Reaktion auf Leistungsdefizite. Auch die Kopfnoten sieht der Verband prinzipiell positiv - sofern sie in Worturteilen formuliert würden und differenziert ausfielen. Zugleich aber äußerte der Verband deutliche Kritik am Verfahren. Für den TLV kommt die geplante Reform zum neuen Schuljahr zu früh. Bis dahin gebe es weder einheitliche Bewertungsmaßstäbe noch klare Umsetzungshilfen für Lehrkräfte. Die Sorge: Mehr Bürokratie, mehr Belastung, wenig pädagogischer Nutzen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die größte Bildungsgewerkschaft des Landes, geht noch weiter. Ihre Landesvorsitzende Kathrin Vitzthum warf der Landesregierung vor, einseitig zu agieren. Zwar sei ein Anhörungsverfahren formell richtig, doch die Art und Weise des Umgangs mit Kritikern irritiere.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Das besagte Anhörungsverfahren hatten Minister Tischner und seine Mitstreiter freiwillig gestartet. Notwendig wäre diese Beteiligung nicht gewesen. Tischner kann die Schulordnung per Verordnung ändern. Betroffene müssten in diesem Fall - anders als bei neuen Gesetzen - eigentlich gar nicht gehört werden. Doch der neue Minister wich von diesem Weg ab. Elternvertretungen, Verbände und Schulen konnten ihre Stellungnahmen einreichen. Allerdings: Diese symbolische Beteiligung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Richtung klar war und der Spielraum gering.

Offene Fragen, gespannte Erwartungen

Der Entwurf der neuen Schulordnung: Noch befindet er sich im Anhörungsverfahren. Die Auswertung läuft. Danach wandert das Thema in den Koalitions-Arbeitskreis - so nennt die "Brombeere" den Koalitionsausschuss, in dem die Regierungspartner strittige Fragen klären. Änderungen sind nicht ausgeschlossen. Doch vieles deutet darauf hin, dass das Bildungsministerium das Vorhaben durchsetzen will. Auf Kompromisse ist Tischner dabei nicht angewiesen. Die Schulordnungs-Novelle bedarf keiner Mehrheit im Landtag; auch das der Vorteil einer Verordnung.

In der Sendung Fakt ist! Aus Erfurt können Sie zum Thema "Kopfnoten und Sitzenbleiben" mitdiskutieren

Ist die Thüringer Landesregierung auf dem richtigen Weg zu besserer Bildung? Was wird aus den Gemeinschaftsschulen, wenn die Schulordnung geändert wird? Motivieren Kopfnoten Schüler oder sind sie kontraproduktiv? Ist es sinnvoll, dass Schüler ab der 6. Jahrgangsstufe in jedem Schuljahr sitzen bleiben können? Diese und andere Fragen diskutieren Eltern, Unternehmer und interessierte Bürger mit dem Thüringer Bildungsminister Christian Tischner, Elternvertreterin Bettina Flügel und der Pädagogin Prof. Maria Hallitzky.

Zu sehen ist Fakt ist! Aus Erfurt am Mittwochabend ab 20:15 Uhr im Livestream auf MDR.DE oder im MDR FERNSEHEN.

Bereits ab 18:00 Uhr haben Sie die Möglichkeit, im Chat mitzudiskutieren:

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! Aus Erfurt | 02. April 2025 | 20:15 Uhr

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