Albanisches Militärfahrzeug Shota 1 min
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Albanien Mit dem Panzer gegen das Patriarchat

03. April 2025, 16:03 Uhr

In Albanien gelten Frauen als besonders benachteiligt. Patriarchale Traditionen prägen ihre Lebensrealität, häusliche Gewalt ist weit verbreitet. Nun baut ausgerechnet eine Frau das erste albanische Militärfahrzeug. Ihr Beispiel zeigt, wie sich Frauen in einer männerdominierten Gesellschaft durchsetzen und wie sie in angeblichen "Männerberufen" erfolgreich sein können. Ist die Zeit also reif für einen Wandel in Albanien?

Porträt Anja Troelenberg
Bildrechte: Ilir Tsouko/MDR

Albaniens erstes Militärfahrzeug aus Frauenhand

"Ich wollte schon immer etwas Großes schaffen", sagt die 38-jährige Arjeta Puca. Und das hat sie: In ihrer Fabrikhalle am Stadtrand von Tirana steht ein acht Tonnen schweres, gepanzertes Militärfahrzeug für bis zu zehn Personen Besatzung. Benannt ist das Fahrzeug nach einer albanischen Kriegerin, die Anfang des 20. Jahrhunderts für die Unabhängigkeit des Landes kämpfte: "SHOTA" steht in Großbuchstaben auf dem Kühlergrill.

Um die Fahrertür zu öffnen, muss die IT-Ingenieurin beide Daumen fest in das Tasten­schloss drücken. Auf ihren Fingernägeln glitzern die letzten Spuren weißen Nagellacks. Den Prototyp hat sie im Juni 2024 auf der weltgrößten Verteidigungs- und Rüstungsmesse in Paris vorgestellt. Noch wird "Shota" nicht verkauft. Ändert sich das, wird Puca mit ihrem Unternehmen TIMAK die erste weibliche Herstellerin von Militärfahrzeugen. Eine von wenigen Frauen in der Automobil­industrie ist sie schon jetzt, nicht nur in Albanien.

Ein gepanzertes Fahrzeug
Die Firma TIMAK hat das erste Militärfahrzeug Albaniens entworfen – Inhaberin der Spezialfahrzeugfabrik ist eine Frau, und auch die Belegschaft weist einen hohen Frauenanteil auf. Bildrechte: MDR/Anja Troelenberg

Es kracht laut, als die schwere Metalltür ins Schloss fällt – und brummt noch lauter, als Puca den Motor startet. Seit sie vor sieben Jahren eine Firma für den Umbau von Spezial­fahrzeugen gegründet hat, musste sie ihr Können immer wieder unter Beweis stellen. "Bei Besprechungen gingen die tech­nischen Fragen anfangs meist an meine männlichen Kollegen. Erst als sie merkten, dass nur ich antwortete, änderte sich das."  

Gleichberechtigung nur auf dem Papier

Die Ingenieurin bewegt sich nicht nur in einer männerdominierten Branche, sondern auch in einer besonders patriarchalen Gesellschaft. Zwar sind Frauen in Albanien rechtlich gleichgestellt, bleiben faktisch aber in vielen Bereichen benachteiligt. Nach Angaben des albanischen Statistikamtes erlebt etwa die Hälfte aller Frauen im Land irgendwann in ihrem Leben geschlechts­spezifische Gewalt. Zum Vergleich: In Deutschland ist es laut Bundesfamilien­ministerium rund ein Drittel aller Frauen.

Etwas zugespitzt könnte man sagen: Während viele Frauen in Albanien mit traditionellen Rollen­bildern und Gewalt zu kämpfen haben, baut Puca nun gepanzerte Transporter – und sie ebnet anderen Frauen damit den Weg. Ihre zwanzig Mitarbeiter sind überwiegend weiblich: "Ich möchte zeigen, dass bestimmte Branchen keine Männer­domänen sein müssen. Frauen sollen sehen, dass sie auch in der Automobil- und Rüstungs­industrie erfolgreich sein können." Der hohe Frauenanteil ist zum Markenzeichen ihres Unter­nehmens geworden. Auf den Tassen im Büro stehen Sprüche, wie: "Manche Frauen fürchten das Feuer, andere werden es."

Der gepanzerte Truppentransprter SHOTA, entwickelt von der Firma TIMAK in Tirana/Albanien, die sich bislang auf Spezialfahrzeuge für Feuerwehr und Polizei spezialisiert hat.
Der gepanzerte Truppentransprter SHOTA ist nach einer Nationalheldin benannt. Bildrechte: Anja Troelenberg / MDR

Zu letzteren gehört wohl auch Puca selbst, die über scheinbar unerschöpfliche Kräfte verfügt. Zahlreiche Spezialfahrzeuge für Feuerwehr und Polizei haben in den letzten Jahren ihre Fabrik verlassen. Im September 2024 lieferte das Unternehmen 65 Rettungswagen in die Ukraine. Und Puca hat Humor: Die größte Herausforderung solcher Großaufträge sei es, genügend Parkplätze zu finden, scherzt sie. Das stimmt zumindest insofern, als die Parkplätze in Tirana tatsächlich rar und entsprechend umkämpft sind.

Den Mut, Neues zu wagen, habe sie von ihren Eltern. Als Albanien nach dem Zusammenbruch des stalinistischen Regimes 1991 im Chaos versank, verließ die Familie das Land und emigrierte in die Türkei. Dort arbeitete sich ihr Vater mit viel Fleiß nach oben – er begann als Hydrauliker und gründete später eine Fabrik für Schneefahrzeuge. Tochter Puca sehnte sich nach Albanien und kehrte im Alter von 30 Jahren in eine Heimat zurück, die sie kaum kannte.

Dass sie dort erfolgreich sein kann, verdankt sie auch familiärer Unterstützung und internationaler Berufserfahrung. Vater Puca nahm die kleine Arjeta schon als Kind samstags mit zur Arbeit, vermittelte ihr technische Grundlagen und ermöglichte ihr ein Studium in der Türkei. Danach arbeitete sie bei Bosch in Deutschland und Japan.

Leben im Schatten der Männer

In Albanien sind solche Erfolgsgeschichten selten. "Die meisten Frauen stehen noch immer im Schatten der Männer", sagt Elsa Ballauri, eine Frauen­rechtlerin der ersten Stunde. Bereits im Dezember 1990, noch vor dem offiziellen Ende der Diktatur, gründete sie eine der ersten Menschenrechtsorganisationen des Landes. Jetzt sitzt sie an einem runden Holztisch, umgeben von bunten Gegen­ständen: einer hölzernen Wiege, Kopftüchern, feinstem Porzellan aus der Zeit des albanischen Königreichs, das sich in beleuchteten Vitrinen stapelt, nebst einfachem Aluminiumbesteck aus der sozialistischen Ära.

Blick in einen Ausstellungsraum.
Das Museum für Frauengeschichte in Tirana Bildrechte: Anja Troelenberg / MDR

Eine Ursache für den zögerlichen Fortschritt sieht Ballauri in der mangelnden Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte: "Wir müssen wissen, wer wir sind." Deshalb hat sie auf eigene Initiative ein Museum für Frauengeschichte gegründet und ihre private Sammlung historischer Objekte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Exponate erzählen sowohl von den Leiden der Frauen als auch von fast vergessenen Heldinnen.

Viele setzten große Hoffnungen in Edi Rama: Der seit 2013 amtierende Regierungschef gilt als wirtschafts- und werteliberal. Bei seiner Wiederwahl 2017 besetzte er die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen, darunter auch das Ressort für Verteidigung. Zu Beginn seiner dritten Amtszeit 2021 besetzte er sogar 12 von 17 Ministerposten mit Frauen und machte Albanien damit zu einem der Länder mit dem höchsten Frauenanteil in der Regierung weltweit. Doch nicht alle sehen darin einen Erfolg. "Diese Frauen sind die Marionetten des Premiers", sagt Elsa Ballauri. "Würden sie eigenständig handeln, wären sie längst nicht mehr auf ihren Posten."

Frauen brauchen wirtschaftliche Unabhängigkeit

Man solle sie nicht falsch verstehen, sie bewundere die Stärke vieler albanischer Frauen, erklärt Ballauri und notiert den Namen "Arjeta Puca" in ihrem Kalender. Aber für einen wirklichen Wandel bräuchten die Frauen vor allem eines: wirtschaftliche Unabhängigkeit. Und genau dafür tue der Staat zu wenig. Trotz steigender Löhne gilt Albanien als eines der ärmsten Länder Europas. Aus Mangel an Perspektiven verlassen viele junge Menschen das Land. Daher wird die Unternehmerin wohl vorerst die Ausnahme von der Regel bleiben.

Eine Frau
Die Frauenrechtlerin Elsa Ballauri hat in Tirana ein Museum für Frauengeschichte gegündet. Bildrechte: MDR/Anja Troelenberg

Zurück in der Fabrik, öffnet Puca die Glastür zu ihrem Büro. Auf ihrem Schreibtisch funkeln die Kristalle eines kleinen goldenen Modellautos – ein Geschenk ihrer Mitarbeiterinnen, das so gar nicht zu der Frau zu passen scheint, die nach Feierabend zum albanischen Hit "Jepi Gaz" (Gib Gas) in einem SUV über die Autobahn jagen wird. Doch vielleicht liegt das Erfolgs­geheimnis der Emanzipation gerade darin, Gegensätze nicht als Widersprüche zu betrachten.

Dass ausgerechnet eine Frau das erste albanische Militärfahrzeug baut, ist mehr als nur eine unternehmerische Erfolgsgeschichte. Es ist ein Zeichen für Veränderung – auch wenn der Weg noch weit ist. Pucas Rat an junge Frauen lautet jedenfalls: "Verfolgt eure Träume, egal wie absurd sie anderen erscheinen mögen."

MDR (baz)

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Heute im Osten | 05. April 2025 | 07:17 Uhr

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