Kinder als Opfer Gibt es mehr Gewalt gegen Kinder?

24. April 2023, 13:44 Uhr

"Kommt es einem nur so vor, dass Kinder heute häufiger Opfer von Gewalttaten werden als vor 20 Jahren?", fragt sich ein MDR-Nutzer. Und zu Recht, denn bei jedem einzelnen Fall, von dem wir hören oder über den berichtet wird, ist der Schock groß.

Dass unser Hörer den Eindruck hat, die Gewalt gegen Kinder habe zugenommen, ist verständlich. Die Missbrauchsfälle aus Lügde, Bergisch Gladbach oder Münster dürften wohl alle noch in Erinnerung haben. Der Eindruck ist aber – bei aller gebotenen Vorsicht – wahrscheinlich falsch.

In den vergangenen 20 Jahren ist etwa die Zahl der Mordopfer unter 14 Jahren gesunken, ebenso die Zahl der Kindstötungen, also die Tötungen eines Kindes durch einen Elternteil. Die stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes Martina Huxoll-von Ahn sagt, im Zeitvergleich habe die Gewalt eher abgenommen.

Starker Rückgang von körperlicher Gewalt

Seit der Jahrtausendwende sei das Recht der Kinder auf eine gewaltfreie Erziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch verbrieft, sagt Huxoll-von Ahn. Seitdem könne man einen deutlichen Rückgang von körperlicher Gewalt gegen Kinder verzeichnen.

In dieser Zeit wurde das sogenannte Züchtigungsrecht abgeschafft, das Eltern erlaubte, ihre Kinder mithilfe von Gewalt zu "erziehen". Danach habe sich vieles geändert. Aufmerksamkeit und Sensibilität seien gestiegen.

Hohe Dunkelziffer durch Familienumfeld

Dennoch – und hier kommt die gebotene Vorsicht ins Spiel: Was sich tatsächlich abspielt, wie viel Gewalt Kinder tatsächlich über sich ergehen lassen müssen, lässt sich auch heute noch lediglich schätzen. Dazu sagt Huxoll-von Ahn: "Ein Problem ist, dass wir sehr wenige valide Zahlen haben, weil Gewaltakte gegen Kinder sich sehr oft im familiären Rahmen abspielen. Insofern sprechen wir dort immer über ein sehr großes Dunkelfeld."

Wir sprechen immer über ein sehr großes Dunkelfeld.

Martina Huxoll-von Ahn Deutscher Kinderschutzbund

Weil viele Taten eben nicht zur Anzeige gebracht werden. Beispiel Kindesmissbrauch: Nach Angaben der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs spielen sich drei Viertel der angezeigten Fälle in der eigenen Familie oder im sozialen Nahfeld der Opfer ab. Damit ist der erweiterte Familien- und Bekanntenkreis gemeint.

In solchen Fällen ist aber auch die Hemmschwelle für Opfer besonders hoch, sich anderen mitzuteilen. Sehr oft schweigen sie auch aus Scham. Vieles bleibe deswegen im Dunklen, sagt auch Rainer Rettinger, Mitgründer und Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins in Essen. Er zitiert Studien, wonach pro bekanntem Fall 50 unerkannte Fälle auftreten. Manche Studien sprächen sogar von 400 nicht erkannten Misshandlungsfällen.

Zahl der Fälle von sexualisierter Gewalt steigt

Deswegen sind Statistiken, auch die Polizeiliche Kriminalstatistik, mit Vorsicht zu genießen. Rein statistisch gesehen ist die Zahl der Kindesmissbräuche heute geringer als noch vor 20 Jahren. In den vergangenen Jahren ist die Zahl aber kontinuierlich gestiegen.

Ob tatsächlich wieder mehr solcher Taten begangen wurden, oder ob sie schlicht sichtbar geworden sind, ist nicht zu bestimmen. Ähnlich verhält es sich mit der zuletzt extrem angestiegenen Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen im Internet.

Dazu sagt Rainer Rettinger, das Hellfeld werde größer. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel habe der Innenminister dafür gesorgt, dass personell und bei Hard- und Software aufgerüstet werde. Dadurch würden Fälle entdeckt und ins Hellfeld gelangen. Rettinger: "Es hat den Anschein, als würde die Zahlen explodieren – das tun sie natürlich auch. Aber es kommt eben dadurch, dass man hier entsprechend reagiert hat."

In jeder Schulklasse säßen ein bis zwei Kinder, von denen man wisse, dass sie entweder sexuelle Gewalt erlebt haben oder sie gerade erleben, sagt Rettinger. Das seien erschreckende Zahlen, aber sie seien Realität.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 22. April 2023 | 06:00 Uhr

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