Drogenpolitik Ein Jahr Cannabis-Gesetz: Noch ist der Schwarzmarkt nicht ausgetrocknet

02. April 2025, 17:58 Uhr

Endlich nicht mehr heimlich kiffen müssen - dieser Traum vieler Deutscher wurde vor einem Jahr wahr. Möglich gemacht hat das das Cannabis-Gesetz. Die Entkriminalisierung der Konsumenten war und ist ein Ziel der Regelung. Aber auch die Strafverfolger sollten entlastet werden. Ist das aufgegangen?

Seit einem Jahr können bis zu 25 Gramm Cannabis in der Öffentlichkeit mitgeführt werden. Zu Hause sind sogar 50 Gramm erlaubt. Drei Cannabis-Pflanzen für den Eigenbedarf im Garten oder auf dem (nicht einsehbaren) Balkon sind ebenfalls legal. Kaufen darf man Gras zudem in zertifizierten Anbauvereinen - zumindest wenn man Mitglied ist. All das war vor dem 1. April 2024 illegal. Die Polizei verfolgt diese früheren Delikte nicht mehr.

Erste Ernte im Cannabis-Club in Erfurt - doch die Zukunft ist offen.
Erste Ernte im Cannabis-Club in Erfurt (Archivbild) Bildrechte: MDR/Sarah Rose

Doch Zahlen dazu wären schön. Das Thüringer Justizministerium kann damit nicht dienen. Drogen-Verfahren werden dort nur insgesamt gezählt - Cannabis nicht extra ausgewiesen, heißt es auf Nachfrage von MDR THÜRINGEN. Erst in der zweiten Jahreshälfte sei man so weit. Eine neue Zählweise mache das möglich.

In einem schriftlichen Statement von Justizministerin Beate Meißner (CDU) heißt es: "Auch wenn die Entlastung der Justiz durch die geänderte Rechtslage nicht unerheblich ist, müssen wir vordergründig alles daran setzen, die Drogenkriminalität zu bekämpfen und den Jugendschutz zu stärken." Das Gesetz entlaste die Justiz also.

Statistik verzeichnet leichten Rückgang der Rauschgiftkriminalität

Die Drogenkriminalität zu bekämpfen, ist Aufgabe des Landeskriminalamts (LKA). Kleinere Cannabis-Delikte werden aufgrund der Ausnahmeregelungen im Gesetz seit einem Jahr nicht mehr verfolgt. Das zeigt Wirkung, stellte am Montag Thüringens LKA-Vize Heiko Schmidt klar: "Die Teillegalisierung hat tatsächlich bei uns in der Thüringer Kriminalstatistik einen leichten Rückgang in der Rauschgiftkriminalität im Bereich der Cannabis-Produkte hervorgerufen." Problematisch blieben aber weiterhin der Handel mit chemischen Drogen. Auch sei der Cannabis-Schwarzmarkt längst nicht trockengelegt. Denn die Anbauvereine könnten den Bedarf nicht decken.

Dennoch, die Drogendelikte sanken insgesamt von mehr als 10.000 im Jahr 2023 auf knapp 8.500 im vergangenen Jahr. Das ist ein Rückgang um mehr als 18 Prozent. Grund ist das Cannabis-Gesetz, so das LKA.

"Gesetz ermöglicht verantwortungsbewussten Umgang mit Cannabis"

Nach dem schleppenden Beginn des legalen Anbaus von Cannabis in den Vereinen ziehen sie eine positive Bilanz für das zurückliegende Jahr. Jeder Club hat einen Präventionsbeauftragten. So will es das Gesetz. In Weimar kümmert sich Nils Volkmann darum. Der 42-Jährige glaubt, dass das Gesetz den verantwortungsbewussten Umgang mit Cannabis ermöglicht: "Es geht nicht ums Kiffen legalisieren - es geht darum, eine Kultur zu schaffen. Einen Umgang, der achtsam, aufgeklärt und menschlich ist. Das ist die eigentliche Aufgabe nach der Legalisierung."

Nils Volkmann vom Cannabis Social Club Weimar
Das Gesetz ermöglicht einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Konsum von Cannabis, glaubt Nils Volkmann vom Cannabis Social Club Weimar Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Sieben von zehn Cannabis-Proben vom Schwarzmarkt seien verunreinigt oder gestreckt: mit Blei oder synthetischen Cannabinoiden. Da sei der kontrollierte Zugang zu sauberem Gras besonders wichtig, auch wenn das durch die derzeitige Regelung noch nicht funktioniere: "Wir sind klar dafür, dass der Schwarzmarkt endlich ausgedünnt wird - und damit auch die Drogenkriminalität sinkt. Aber aktuell ist das kaum möglich, weil es noch keine echten legalen Bezugswege für die Mehrheit gibt. Viele greifen weiterhin zum Schwarzmarkt - mit all seinen Risiken. Der Konsum bleibt mit oder ohne Legalisierung ohnehin gleich hoch. Die Frage ist: Begleiten wir ihn - oder verdrängen wir ihn wieder?"

Erleichterung für Schmerzpatienten

Das Cannabis-Gesetz erleichtert auch den Zugang zu medizinischem Gras. Vor dem 1. April 2024 war es selbst für Schmerzpatienten schwer, an ein entsprechendes Rezept zu kommen. Durch die vielen Internetanbieter ist das nun kinderleicht geworden. Allerdings zeigt sich, dass sich so auch viele Freizeit-Konsumenten versorgen. Das ist sicher nicht im Sinne des Erfinders, aber besser als verunreinigtes Gras von der Straße. Die Entkriminalisierung sorgt dennoch auch bei Schmerzpatienten für größeres Wohlbefinden. Sie müssten sich nicht mehr verstecken, wenn sie etwas gegen ihr Leiden tun - egal, woher das Gras kommt, erzählt Janine Schulte.

Schmerzpatientin Janine Schulte
Schmerzpatientin Janine Schulte Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Die erst 34-jährige Camburgerin leidet seit Jahren erbbedingt unter starken Rückenschmerzen, hat kaputte Bandscheiben und Arthrose. Ärzte verschrieben ihr immer wieder Opiate, die Nebenwirkungen hatten und zu Entzugserscheinungen führten. Cannabis helfe ihr dagegen deutlich besser. Bevor das Gesetz kam, musste sie sich immer verstecken, wenn sie etwas gegen die Schmerzen "rauchte": "Ich fühlte mich immer wie eine Kriminelle. Dabei hatte ich mir das gar nicht ausgesucht. Ich war immer kriminell, weil ich was gegen meine Schmerzen machen wollte. Das hat mir sehr sehr viel gebracht mit der Legalisierung."

Auf die Koalitionsverhandlungen in Berlin blicken die Cannabis-Konsumenten indes mit Sorge. Dort wird entschieden, ob ihr drogenpolitischer Frühling anhält oder nicht.

MDR (one/dr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 01. April 2025 | 19:00 Uhr

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