Karge Gebirgslandschaft mit schöner Berg-Szenerie, erdigen Farben, Schatten, Cirrus-Wolken am Himmel. Per KI generierte Sonne im gegenlicht, Himmel leicht rötlich eingefäbt. 3 min
Symbolbild – Ein bisschen mehr Partikel vor die Sonne zu schieben, würde allenfalls Sonnenuntergäng etwas rötlicher machen Bildrechte: imago/Depositphotos (M), Adobe Firefly-KI

Solares Geoengineering Sonnenbrille für die Erde: Durch Verdunklung gegen den Klimawandel?

04. April 2025, 11:14 Uhr

Am Wetter rumspielen, das ist nicht nur ein alter Traum der Menschheit, sondern auch bis zu einem gewissen Grad machbar. Man kann es zum Beispiel regnen lassen – oder die Stärke des Sonnenscheins beeinflussen. Eine Idee, die durch die Klimakrise an Fahrt aufgenommen hat. Die Zeit ist knapp, warum also nicht dafür sorgen, dass die Sonne die Erde etwas weniger aufheizt? Solares Geo-Engineering heißt das. Aber wie gut ist die Idee?

Junger Mann mit Bart, runder schwarzer Brille, schwarzem Basecap vor Roll-Up-Plane mit Logo von MDR WISSEN
Bildrechte: MDR

So vom Solaren Geoengineering zu erzählen, hat etwas ungemein Befriedigendes an sich. Es gehen einem einfach nicht die Metaphern aus. Die prominentesten sind diese: Wir setzen der Erde eine Sonnenbrille auf und damit dem Klimawandel etwas entgegen. Wir ziehen die halbdurchlässigen Vorhänge vor der Sonne zu und dann ist Ruhe im Karton. Wir tragen auf den Planeten etwas Sonnencreme auf. Oder wir bringen am Treibhaus Erde ein paar Jalousien an. Vielleicht auch: Wir verabreichen unserem Planeten eine Ibuprofen gegen Kopfschmerzen vom Sonnenstich und schon legt sich das Klimaleid.

Aber von Anfang an: Zunächst war da dieser Vulkan, der Pinatubo auf den Philippinen. Nach seinem Ausbruch 1991 hatte man festgestellt, dass von der Freisetzung von Schwefeldioxid-Aerosolen die ganze Welt etwas hatte. Die Partikel ergaben in der Stratosphäre – also der zweiten Atmosphärenschicht, in etwa zwischen 15 und fünfzig Kilometern Höhe – die besagte Sonnenbrille, eine verspiegelte sozusagen: Ein Teil der Sonnenstrahlung wurde an den Partikeln reflektiert, die Temperatur auf der Erde kühlte ein halbes Grad ab. Ähnliche, minimale Effekte lassen sich sogar beim unliebsamen Saharastaub beobachten.

Icon: Symbolische Erdkugel mit Afrika und Europa im Zentrum, daran oben links das Grad-Zeichen. Text:  MDR Klima-Update. Kostenfrei, wöchentlich. Foto: Weiß gekleidete Frau mit Rücken zur Kamera kippt aus Eimer grüne Farbe auf Leinwand in trockener Gegend.
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Alles ganz natürlich: Der Vulkan macht's vor

Was ein Vulkan kann, was Saharastaub kann, das kann die Menschheit schon lange. Und ein halbes Grad – na, das wäre ja schon mal was im Kampf gegen den Klimawandel: "Natürlich geht es beim Solaren Geoengineering jetzt nicht darum, Vulkane zum Ausbrechen zu bringen, aber es geht um dasselbe Prinzip. Es geht um kleine, reflektierende Partikel in der Stratosphäre, wo tatsächlich Millionen von Tonnen dieser Partikel Billionen von Tonnen von CO2 wettmachen könnten. Also kleinste Mengen." Diese Klarstellung kommt von Gernot Wagner, österreichisch-amerikanischer Klimaökonom an der Columbia Business School in New York. Wagner hat dem Thema vor einigen Jahren ein ganzes Buch gewidmet. Und es dauert nicht lange, da erwähnt er einen Zielkonflikt, der seit einigen Jahren immer wieder von sich reden macht: "Also die Arktis ist heute ungefähr ein halbes Grad wärmer als sie es gewesen wäre, hätten wir in Europa, Deutschland, Nordeuropa, nicht Schwefeldioxid von den Schornsteinen entfernt."

Schon allein aus gesundheitlichen Beweggründen gibt es an der Maxime, die Atemluft sauber zu halten, nichts zu rütteln, dieser Überzeugung ist auch Wagner. Macht nur leider den praktischen Nebeneffekt der Kühlung zunichte, aber genau da könnte man jetzt ja nachhelfen. Eben, indem man Schwefeldioxidpartikel in die Stratosphäre bringt, etwa mit einem Helium- oder Heißluftballon oder Militärjets. Derartige Überlegungen sind sogar noch älter als der Ausbruch des Pinatubo. Nun weiß man von Schwefeldioxid, dass es die Ozonschicht schädigt. Deshalb gibt es noch andere Ideen, Aluminiumdioxid etwa oder Calciumcarbonat, also Kalk. "Teilweise geht es tatsächlich auch in die Richtung von Diamantenstaub", erklärt Wagner. "Klingt vielleicht romantisch, ist es in diesem Fall nicht."

Illustration zeigt, Landschaft mit Stadt, Blumen und Bergen. Über den Bergen eine Wolke. Düsenjet und Ballon verteilen SO2-Partikel. Sonnenstrahlen reflektieren daran, gehen daran vorbei und ein Strahl reflektiert an Wolke.
Bildrechte: MDR WISSEN

Ob aus Schwefel, Alu oder Diamant – wie die Sonnenbrille der Erde nun genau beschaffen sein muss, ist also noch nicht ganz geklärt. Die Frage, die besonders nach dem Winter viele beschäftigen dürfte, ist: Würde ein solches Vorhaben im wahrsten Sinne des Wortes die Freude an der Frühlingssonne trüben? Gernot Wagner entwarnt: "Es geht darum, die Sonne zu verdunkeln in so einem Ausmaß, dass kaum jemand davon wirklich etwas merken würde. Sonnenaufgänge und -untergänge könnten eventuell etwas roter sein. So wie sie es auch jetzt sind, durch bodennahe Luftverschmutzung." Ja, Romantikerinnen und Romantiker haben ein Faible für Smog und vielleicht künftig auch fürs Solare Geoengineering.

Und sie hätten lange etwas davon: "Ich muss es sehr lange machen", sagt Wilfried Rickels, Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft und Professor für technischen Klimaschutz an der Uni Kiel. "Das heißt, solange die CO2-Konzentration zu hoch ist, also die Ursache des Klimawandels nicht behoben ist, muss ich immer wieder Solares Geoengineering machen. Und zweitens, ich kann das Klima nicht einfach zurückdrehen. Denn der Einsatz kompensiert den Klimawandel nur teilweise." Allerdings wäre es auch nicht teuer, eine Volkswirtschaft wie die Vereinigten Staaten könnte so eine Verdunklungsaktion wahrscheinlich entspannt aus dem Haushalt stemmen. Das Magazin Riffreporter zitiert hier den Havard-Physiker Frank Keutsch, der schätzt, dass sich mit zehn bis zwanzig Milliarden Euro die Erde um ein halbes Grad abkühlen lassen würde. Das entspräche dem Umsatz der weltweiten Kaugummi-Industrie.

Hochhäuser im Schatten, sehr roter Himmel, tief stehende Sonne, die milchig durch den Himmel scheint
Wie romantisch. – Diesige Luft, tiefrote Sonne über Bangkok Bildrechte: imago/Pond5 Images

Billig und effektiv – wie ein normales Schmerzmittel eben

Das Unterfangen würde sich wohl durchaus bezahlbar machen. Länder könnten auf diese Weise nicht nur die eigene Bevölkerung schützen, sondern vor allem auch die Wirtschaft am Laufen halten: "Dass man einfach auch in der Mittagszeit vielleicht noch arbeiten kann, beziehungsweise in Ländern des Globalen Südens oder Indien dann zu gewissen Zeiten draußen arbeiten kann", so Rickels. Natürlich ist Solares Geoengineering auch eine große Verlockung, das leidliche Klimathema zumindest für einen Teil erstmal erledigt zu wissen. "Und da muss man leider sagen, ist die Wahrscheinlichkeit für einen globalen Einsatz unter der derzeitigen Trump-Administration deutlich größer geworden", mutmaßt Rickels. Die Europäische Union sollte hingegen – um bei einer glaubwürdigen Strategie zu bleiben – das Thema, wenn, dann zusammen mit der technischen Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre denken.

Das Schlimmste wäre, wenn irgendwer von seinem goldenen Thron twittert: Hier gibt es die Lösung zum Klimawandel

Gernot Wagner Columbia Business School

Fragt sich natürlich, ob es überhaupt eine gute Idee ist, dem menschengemachten Klimawandel durch einen menschengemachten Eingriff in natürliche Gegebenheiten zu begegnen. Wilfried Rickels hat da eine klare Antwort: "Nein, von vornherein ist das natürlich keine gute Idee, aber mittlerweile haben wir möglicherweise einen Punkt erreicht, ab dem so ein Eingriff das kleinere Übel darstellen würde", sagt er und kommt gleich mit einer weiteren Metapher um die Ecke: "Niemand würde empfehlen, dass man sich keine Zähne putzen muss, weil man einfach zum Zahnarzt gehen kann. Wenn man jetzt aber zu lange zu schlecht geputzt hat und dann die Schmerzen in den Zähnen zu stark werden, muss man eben irgendwann doch überlegen, zum Zahnarzt zu gehen. Dann hilft einem Putzen auch nicht mehr."

Ist es also realistisch, dass wir in zehn, 15 Jahren damit anfangen, die Erde zu verarzten? "Ich würde da von einer kürzeren Zeitskala ausgehen, also eher von fünf bis zehn Jahren, wo es sicherlich zu nicht-globalen Einsätzen kommen wird." Zum Beispiel, um Regionen vor Hitzestress zu schützen – bevölkerte, wo es um die Rettung von Menschenleben geht, oder solche wie das Great Barrier-Riff, das ebenfalls unter starkem Hitzestress leidet. Im Grunde ist es jetzt schon so weit: Vor einigen Jahren begann das amerikanische Start-Up "Make Sunsets", per Ballon Schwefeldioxid-Partikel in die Stratosphäre zu bringen. Wer dafür bezahlt, erhält "Cooling Credits" als CO2-Kompensationsmaßnahme, eben so ähnlich wie das bezahlte Pflanzen von Bäumen. Der Sinnhaftigkeit dieser Kühlgutschriften wurde aber bereits ein Jahr später von wissenschaftlicher Seite eine Absage erteilt.

Keine Empfehlung an die Regierungen

Für Gernot Wagner von der Columbia-Universität gehört die Technik sowieso nicht in die Hände von privaten Unternehmungen – zu risikoreich. Außerdem hat das Solare Geoengineering ein Grundproblem, so wie jede technische Maßnahme, das Klima wieder zurechtzurücken: Sie könnte Lösungen aufhalten, die tatsächlich die Ursachen der Schmerzen der Erde bekämpft, nicht nur die Symptome. Wagner befürchtet ein wenig hilfreiche Denke: "Hey, CO2-Steuer brauchen wir nicht, Wärmegesetz brauchen wir nicht, wir können weiter tun wie bisher. Und im Endeffekt, wenn es tatsächlich zum Klimawandel kommt, fange ich halt mit dem Solaren Geoengineering an", ulkt er. "Das Schlimmste überhaupt wäre, wenn da jetzt irgendwer um vier Uhr in der Früh von seinem goldenen Thron twittert: Hier gibt es die Lösung zum Umweltschutz, zum Klimawandel."

Derzeit würde Wagner also davon absehen, die Technik als pragmatische Klimaschutzmaßnahme zu empfehlen. Eine Intervention vielleicht, aber nichts, was nachhaltig Emissionen reduziert. Auf der anderen Seite: Die Technik könnte Menschen und Staaten dazu bewegen, Emissionen tatsächlich zu reduzieren – nämlich dann, wenn sie vermeiden möchten, dass diese Sonnenbrille der Erde irgendwann dringend aufgesetzt werden muss.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 05. April 2025 | 00:00 Uhr

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