Lovescamming | Sextortion "Habe mich tagelang übergeben" - Warum junge Menschen Opfer von sexueller Erpressung werden
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04. April 2025, 07:06 Uhr
Immer wieder werden Thüringer Opfer einer sexuellen Erpressung oder von Liebesbetrug. Was als ein Flirt im Internet beginnt, kann zu Erpressung und schweren psychischen Belastungen führen. Die seelischen Folgen sind gravierend. Experten warnen vor den psychologischen Mechanismen, die hinter diesen Betrugsmaschen stecken - und rufen dazu auf, Betroffenen zu helfen und Prävention zu betreiben.
Es ist Sommer 2024. Seit ein paar Tagen schreibt Paula (Name geändert) auf dem sozialen Netzwerk Snapchat mit einem Jungen. Sie kennen sich nicht persönlich, er hat sie als Freundin auf der App hinzugefügt. Gleich zu Beginn macht er Paula viele Komplimente, sagt ihr, wie gut sie aussieht.
Es macht ihr Spaß, mit ihm zu schreiben. Er heißt Nikolas und kommt aus Griechenland. Das konnte sie jedenfalls kurz auf seiner Snapchat-Ortsmarke erkennen, wenig später ist der Standort nicht mehr sichtbar.
14-Jährige bricht nach Erpressung zusammen
Irgendwann fragt Nikolas sie nach der Farbe ihrer Unterwäsche und nach noch mehr Fotos. Sie lässt sich darauf ein und schickt ihm die Bilder, die er sich wünscht. "Er meinte immer, wenn ich ihm das schicke, dann schickt er was zurück", erzählt Paula. Sie ist gerade 14 Jahre alt geworden. Er soll 17 Jahre alt sein.
Sextortion: Was bedeutet das?
Der Begriff "Sextortion" setzt sich aus den englischen Wörtern Sex und Extortion (sexuelle Erpressung) zusammen.
Was wie ein harmloser Flirt beginnt, endet häufig mit hohen Geldforderungen. Die Täter oder Täterinnen erlangen Nacktbilder oder -videos der zunächst arglosen Opfer. Anschließend erpressen sie ihre Chatpartner mit diesen.
Quelle: Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes
Paula erzählt, sie habe zu der Zeit in ihrer Familie Probleme gehabt und sich schnell auf den Jungen eingelassen. Ohne ihr Wissen habe er ihre Privatnachrichten abfotografiert. Obwohl die App das normalerweise anzeigt. Drei Monate haben die beiden Kontakt.
Ich hing tagelang über der Toilette und habe mich übergeben.
Im Herbst übernachtet Paula bei ihrer Freundin. Dann droht Nikolas ihr, ihre Aufnahme zu veröffentlichen, wenn sie nicht innerhalb von 30 Minuten noch mehr Fotos schickt. Sie geht nicht darauf ein. Er beleidigt sie daraufhin und kündigt an, alles hochzuladen. Die kommenden Tage lebt die Erfurterin in Angst, dass ihre Fotos irgendwo auftauchen könnten. "Ich hatte einen kompletten Zusammenbruch. Ich hing zwei Tage über der Toilette und habe mich übergeben."
Aus Scham vertraut sich Paula niemandem an und findet abends kaum zur Ruhe. Sie habe angefangen, sich selbst zu verletzen, sagt sie. Ihrer Mutter fällt das auf. Das Mädchen sagt aber nicht, was los ist.
Paula schaut stattdessen im Netz nach, was sie jetzt tun soll. Die Jugendliche traut sich nicht, sich jemandem zu öffnen, bis heute. Sie sagt: "Ich schäme mich dafür immer noch" und sie wisse nicht, wie sie damals so einknicken konnte.
So gehe es vielen Menschen, die Opfer von Liebesbetrug werden, sagt Petra Brede. Sie ist Leiterin der Außenstelle des Weißen Rings in Sömmerda. Bei ihr und ihren Kollegen können sich Menschen melden, die beispielsweise häusliche Gewalt erfahren haben oder eben um Geld betrogen wurden. Dann unterstützt sie bei finanziellen Problemen, vermittelt Anwälte oder hilft, Termine bei Psychologen zu finden.
Nur wenige Menschen, die Opfer von Liebesbetrug werden, melden sich bei ihr, sagt sie. Ein Fall sei Brede aber auch nach Jahren immer noch präsent. Eine damals 70-Jährige lernte im Sommer 2020 einen Mann über das Internet kennen. Jeden Tag schrieb sie mit ihm, überwies ihm irgendwann Geld für angebliche Treffen. Die Polizei spricht in diesem Fall von Lovescamming.
Lovescamming: Was ist das?
Mit dem englischsprachigen Begriff Lovescamming wird eine Form des Internetbetrugs bezeichnet.
Gefälschte Profile in Singlebörsen und auf Sozialen Medien werden dazu benutzt, den Opfern Verliebtheit vorzugaukeln.
Das Ziel sind finanzielle Zuwendungen. Lovescamming ist eine moderne Abwandlung des Heiratsschwindels, manchmal auch Romance Scamming genannt.
Quelle: Weißer Ring
Die Frau lebte alleine, war körperlich eingeschränkt. Der Fremde wurde ihre große Hoffnung und Trost in einsamen Momenten. Erst als ständig Mahnbriefe eintrudelten, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen konnte, fiel es einer Betreuerin auf, die sie im Alltag unterstützte.
Anders als im Fall von Paula verlangte der Täter Geld. Typisch für Lovescamming ist, dass der vermeintliche Liebhaber Geld für Flüge, Zollgebühren oder medizinische Behandlungen verlangt. Auch hier seien die Menschen oft nicht die, für die sie sich ausgeben, sagt die Polizei.
Opfer von Lovescamming sind oft Frauen - Weißer Ring bietet Hilfe an
Die 70-Jährige wandte sich gemeinsam mit ihrer Betreuerin an den Weißen Ring und bat dort um Hilfe. Die Betroffene habe sich so in die Beziehung reingesteigert und habe alle Anzeichen nicht sehen wollen, sagt Petra Brede. "Verständlicherweise", so Brede. Die Betrüger seien gut geschult und die Betrugsopfer würden jede Zuwendung, sei sie noch so klein, aufsaugen wie ein Schwamm.
Wir können niemanden zwingen, sich helfen zu lassen.
In Absprache mit dem Vermieter zahlte der Weiße Ring die entstandenen Mietrückstände. Anzeige erstattete die 70-Jährige wie auch Paula nicht. Der Kontakt zu Petra Brede brach nach einigen Treffen ab. "Wir können niemanden zwingen, sich helfen zu lassen." Es sei ein Angebot, ob und wie die Betroffenen es nutzen möchten, müssten sie selbst sagen.
Die 62-jährige Ehrenamtlerin sagt, es treffe häufig die Menschen, die alleinstehend sind, wenig Kontakte in der realen Welt haben oder sich einsam fühlen. Im Jahr 2024 gab es laut Zahlen der Thüringer Polizei 113 angezeigte Fälle von Lovescamming. Die Opfer waren zwischen 21 und 86 Jahre alt. 70 Prozent von ihnen waren Frauen. Der Altersdurchschnitt lag insgesamt bei 54 Jahren.
Aber es gibt auch jüngere Menschen, die Liebesbetrügern aufsitzen. Junge Leute, die unverfänglich im Netz miteinander schreiben. Paula sagt, Nikolas habe sie immer wieder über ihre persönliche Grenze gehen lassen und das dann hinterher ausgenutzt. Sie ist damit aber nicht allein.
Im Februar sind in Erfurt jeweils ein 18- und ein 27-Jähriger mit intimen Aufnahmen erpresst worden. Beide Männer lernten die mutmaßliche Erpresserin in den sozialen Medien kennen. Sie erstatteten Anzeige. Einer von ihnen verlor etwa 100 Euro.
Ständig neue Betrugsmaschen
In beiden Fällen handelt es sich laut Patrick Martin von der Landespolizeidirektion nicht um Lovescamming, sondern um Sextortion und somit um den Tatbestand der Erpressung. Gesamte Fallzahlen gebe es davon noch nicht. Ständig gebe es neue Betrugsmaschen. "Wenn die Betrüger merken, dass die eine nicht mehr zieht, dann schwenken sie um", so Martin.
Es wird eine Bindung aufgebaut und eine bestimmte Abhängigkeit hergestellt. Die wird ausgenutzt, um an Geld zu kommen.
Und dann ist da noch die hohe Dunkelziffer. "Die Opfer schämen sich häufig, dass sie sich auf so etwas eingelassen haben und zeigen es dann leider nicht an", sagt Patrick Martin. Zwar leisteten Polizei sowie gemeinnützige Vereine wie etwa der Weiße Ring viel Präventionsarbeit. "Aber das bekommen nicht alle mit oder denken: Bei mir ist es nicht so, bei mir ist es jetzt die wahre Liebe", so Petra Brede vom Weißen Ring.
Das Geschäft mit der Scham funktioniere so lange, wie es einsame Menschen gibt, sagt Patrick Martin. Oder solche, die gerade Halt suchen. "Darauf zielt diese Masche ab. Es wird eine Bindung aufgebaut und eine bestimmte Abhängigkeit hergestellt. Die wird ausgenutzt, um an Geld zu kommen."
Petra Brede sagt, jeder Bürgermeister müsse eigentlich etwas dafür tun, dass Menschen zusammenkommen, dass es weniger von denen gibt, die abgenabelt sind.
Was können Betroffene tun?
Sofort den Kontakt abbrechen! Legen Sie sich bei Bedarf eine neue Handynummer oder Mailadresse zu.
Sammeln Sie Daten, also E-Mails, Fotos, Chatverläufe etc. auf einem externen Datenträger und übergeben Sie ihn gegebenenfalls der Polizei.
Melden Sie das Profil beim Seitenbetreiber, falls es noch nicht gelöscht wurde. Damit können Sie andere vor diesem Trickbetrüger bewahren.
Erstatten Sie Anzeige bei der Polizei.
Quelle: Weißer Ring
Junge Menschen verschicken eher Nacktfotos
Lovescamming und Sextortion haben laut Patrick Martin eine Sache gemeinsam: "Die Täter nutzen den gleichen psychologischen Effekt bei den Geschädigten, aber es wird eine andere Geschichte erzählt". Unterschiede zeigen sich bei der Art der Kommunikation von jungen und älteren Menschen.
Patrick Martin sagt, intime Fotos zu versenden, das sei bei den Altersgruppen, in denen Lovescamming häufiger vorkommt, untypisch. "Das ist vielleicht eine Frage der Sozialisation oder auch der Erziehung, dass man damit einen anderen Umgang hat oder eher davor zurückschreckt als die jüngere Generation, die damit häufiger zu tun hat."
Die Polizei warnt Jugendliche davor, intime Bilder zu verschicken, auch wenn sie das Gegenüber kennen. Es gebe auch Fälle, in denen die Fotos während der Beziehung verschickt und nach der Trennung verwendet werden, um den Ex-Partner oder die Ex-Partnerin zu erpressen.
Fake-Accounts und ausländische Konten
Gehe es um Fremde, dann sei die Aufklärungsquote gering, sagt die Polizei. Die Täter sitzen häufig im Ausland, heißt es. Schnelle Geldflüsse und der organisierte Weg über mehrere Konten - "das Geld ist meistens weg", so Martin. "Das fließt so schnell, dass es nahezu unmöglich ist, da wieder ranzukommen." Die Aufklärungsquote ist gering, auch wenn kein Geld geflossen ist.
Dann bleibt erstmal noch der seelische Schmerz. Paula sagt, ab und zu denke sie noch an die Zeit, als sie so Angst hatte, dass Fotos von ihr auftauchen könnten. Bis heute habe sie nichts davon mitbekommen, zum Glück. Sich selbst zu verletzen, damit habe sie vor ein paar Monaten aufgehört. Snapchat nutzt sie kaum, nur noch mit ihren engen Freunden.
Patrick Martin von der Landespolizei sagt, die Menschen müssen nach dem Betrug unbedingt psychologisch betreut werden, um das Erlebte verarbeiten zu können. "Es darf nicht sein, dass sie sich selbst die Schuld für den Betrug zuweisen. Die liegt beim Täter oder der Täterin."
MDR (ams)
Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit | 03. April 2025 | 18:00 Uhr