Workshop, Tiktok & neue Ausstellung Wer liest denn noch Karl May? Neue Wege im Karl-May-Museum Radebeul
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02. Juli 2024, 04:00 Uhr
Karl May zählt zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. Noch – muss man vielleicht sagen. Denn zwar sind die Winnetou-Inszenierungen auf Freilichtbühnen wie Rathen oder Bischofswerda beim Publikum nach wie vor sehr beliebt. Doch gerade die junge Generation greift nur noch selten zu den Büchern oder schaut die einstigen Kultfilme. Ein Trend, der auch das Karl-May-Museum in Radebeul beschäftigt. Dort versucht man, mit neuen Formaten den Nachwuchs wieder für das Thema zu interessieren.
- Das Karl-May-Museum in Radebeul will den Winnetou-Autor jungen Menschen wieder näher bringen – viele kennen seine Bücher nicht mehr.
- Vor dem Hintergrund der Debatte um Rassismus und kulturelle Aneignung soll Karl May aber auch kritisch hinterfragt werden.
- Die Museumspädagogen wollen etwa die Ausstellung in Karl Mays Wohnhaus modernisieren.
Projekttag im Karl-May-Museum in Radebeul. Eine 8. Klasse des Leipziger Leibniz-Gymnasiums beschäftigt sich an diesem Tag in einem Workshop mit dem gegenwärtigen indigenen Nordamerika. Zur Einführung werden von Hans Schulze, dem Museumspädagogen, erstmal die Begrifflichkeiten erläutert, was man statt "Indianer" heutzutage sagen sollte. Eine endgültige Lösung hat er nicht zur Hand, Fallstricke gibt es offenbar überall.
Grit Kurth ist die Englischlehrerin der Klasse und hat das Angebot des Museums genutzt, um das Lehrplanthema Minderheiten in den USA zu vertiefen. Sie persönlich ist mit Winnetou und Old Shatterhand groß geworden, kam über die Filme zu Karl Mays Romanen. "Ich habe mich dann eben weiter interessiert für diese ganzen Völker", berichtet sie. Heute sei das bei den Schülerinnen und Schülern nicht mehr so – was auch nicht schlimm sei. "Wir nähern uns diesem Thema in der Schule über einen anderen Zugang." Die jungen Menschen hätten nicht unbedingt von vornherein eine Affinität zu Native Americans, sondern die Annäherung finde über das allgemeinere Thema unterdrückte Völker stattfinden.
Workshops zur aktuellen Situation von Native Americans
Bei einem Rundgang in der Villa Bärenfett, der Blockhütte im Garten von Karl Mays ehemaligem Wohnhaus, bekommen die Achtklässler einen, wenn auch nur kurzen, Einblick in die Geschichte der indigenen Bevölkerung Nordamerikas. Danach geht es in die Gruppenarbeit, wo sich die Jugendlichen mit der gegenwärtigen Situation und der Darstellung von Native Americans etwa im Film oder auch in der bildenden Kunst auseinandersetzen – zum Teil Neuland für die Schülerinnen und Schüler, denn ihr Wissen haben die meisten vor allem durch die Trickfilmserie "Yakari", wie zwei von ihnen erzählen.
"Diese bekannten Indianerfilme wie 'Winnetou habe ich nie geguckt und das Thema interessiert mich jetzt nicht so stark, eigentlich nur im schulischen Sinne", erzählt eine Schülerin.Ihre Mitschülerin berichtet, dass sie nicht viel wisse über Karl May und seine Werke – eigentlich nur, dass er ein Schriftsteller war.
Debatte um Rassismus und kulturelle Aneignung
Im Karl-May-Museum ist man sich dieser schwindenden Popularität von May und seinen Romanhelden sehr bewusst und versucht daher seit einigen Jahren, neue Akzente zu setzen, berichtet Museumsleiter Robin Leipold: "Wir haben in den letzten fünf, sechs Jahren die Ausstellung zu den indianischen Völkern in der Villa Bärenfett Stück für Stück umgestaltet. Wir haben Texte verändert, die Vitrinen umgestaltet und auch versucht, das Thema indigenes Leben heute mit einzubauen." Im vergangenen Jahr sei außerdem die sogenannte "Turtle Island Gallery" mit moderner indigener Kunst eröffnet worden.
Neu ist eben auch der Workshop zum "Jungen indigenen Nordamerika" und ebenfalls seit einiger Zeit die Weiterbildungen mit dem Thema "Darf man heute noch 'Indianer‘ sagen?". Das ist unter anderem eine Reaktion auf die Debatte um kulturelle Aneignung und Rassismus bei Karl May, die vor zwei Jahren entbrannt war. Seitdem hat man im Museum den Eindruck, dass dadurch viele, gerade auch an den Schulen, verunsichert sind.
"Man kennt sich einfach nicht mehr so damit aus", sagt Robin Leipold. Er habe das Gefühl, dass um das Thema gerade eher ein Bogen gemacht werde. "Aber das hat auch die Chance, dass wir jetzt genau an diesem Punkt ansetzen und sagen können: Kommt bewusst her und lernt diesen Ort und dieses Thema kennen."
Kommt bewusst her und lernt diesen Ort und dieses Thema kennen.
Neue Ausstellung in Villa Shatterhand: Karl May als Tiktok-Star?
Was jedoch dringend einer inhaltlichen Überarbeitung bedarf, ist die Karl-May-Ausstellung im Wohnhaus des Autors, der Villa Shatterhand. Denn diese stammt noch aus den 1990er-Jahren. Aufgrund der finanziellen und personellen Situation wird das aber noch einige Jahre dauern, da es sich um ein privat finanziertes Museum handelt mit einem quasi Zwei-Mann-Team.
Ideen gibt es bereits, so könnte Karl May demnächst zum Tiktok-Star aufsteigen. Dabei wolle man den Aspekt der Selbstinszenierungen von Karl May in den Vordergrund stellen, denn das sei etwas, woran Schüler und Schülerinnen anknüpfen können, erläutert Museumspädagoge Hans Schulze. Karl Mays Show und Inszenierung, etwa als Old Shatterhand, ließe sich gut mit Instagram und Tiktok verbinden. "Da sitzen wir dran und das soll kommendes Schuljahr auch fertig werden, so dass wir es recht bald den Schulen auch zur Verfügung stellen können", so Schulze.
Ob Jugendliche dann wieder mehr zu Karl-May-Romanen greifen werden, ist sicher fraglich. Aber vielleicht bringt man den Autor ja so wieder – positiv – ins Gespräch.
Redaktionelle Bearbeitung: lig
Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juli 2024 | 07:40 Uhr