Austausch im Harz Schutz vorm Wolf: Was andere Regionen von Sachsen-Anhalt lernen können – und umgekehrt
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26. September 2024, 15:21 Uhr
Der Schutz von Nutztieren vorm Wolf wird gefördert – aber nicht mehr für alle. Das ist dann für alle Tierhalter problematisch. Eine Delegation aus der Tschechischen Republik hat sich den Herdenschutz in Sachsen-Anhalt angeschaut.
Auf einer hügeligen Wiese bei Elbingerode im Harz grasen einige Hundert Schafe von Frank Kleemann. Als die Gruppe aus Tschechien aus dem Bus steigt und sich dem Pferch nähert, laufen von der anderen Seite fünf riesige Hunde bellend auf den Zaun zu. Es sind die Herdenschutzhunde von Frank Kleemann, die Eindringlinge vertreiben sollen. Bis jetzt hat der Schäfer aus Benzingerode noch keine Zwischenfälle erlebt. Der Herdenschutz funktioniert.
Auf Weiden im Ort verzichtet der Schäfer auf die Schutzhunde. "Das ist mir zu riskant", gesteht der Tierhalter. Denn: er kann nicht ausschließen, dass Spaziergänger einen Zaun überwinden. Die Hunde würden die Eindringlinge angreifen. Das ist ihre Aufgabe – sie verteidigen alles, was sich innerhalb des Zauns befindet, verlassen diesen Raum aber nicht.
Wo keine Hunde sind, muss der Zaun noch akkurater gebaut sein. Was auf hügeligem Grund eine Herausforderung ist. "Am Berg ist es möglich, aber schwieriger und mit wesentlich mehr Zeitaufwand. Körperlich ist es anspruchsvoll, da bleibt man in Form", sagt Kleemann über die Plackerei.
Ein springender Wolf ist ein Problemwolf
Über den Zaun springen Wölfe normalerweise nicht. Obwohl es für sie kein Problem wäre, einen 1,20 Meter hohen Zaun zu überwinden. Darum müssen Zäune viel Strom führen und ordentlich gebaut werden. Gibt es Stellen, wo unter der unteren Litze ein Ball hindurch passt, passt auch ein Wolf durch. Den Zaun so zu bauen, dass das nicht passiert, ist vor allem auf hügeligem Gelände schwierig. Lernt der Wolf erst einmal, einen Zaun zu überwinden, dann ist er ein Problemwolf. Er wird immer wieder springen.
"Wir waren vor sechs Jahren schon einmal hier", erzählt Jindriska Jelinkova aus dem Umweltministerium in Prag. "Wir wollen uns informieren, was inzwischen passiert ist und vor allem, wie man Herdenschutz in den Bergen betreibt." Bergiges Gelände ist typisch für die Tschechische Republik. Auf zwei Dritteln der Fläche des Landes leben inzwischen Wölfe.
Fehlende Förderung für Hobbyhalter ist ein Problem
Sachsen-Anhalt hat über Jahre hinweg viel ausprobiert bei der Förderung von Herdenschutzmaßnahmen. Zäune und ihr Aufbau werden bezuschusst, für die Herdenschutzhunde wird Unterhalt bezahlt. Frank Kleemann lobt das ausdrücklich – vor Jahren mussten die Tierhalter alles allein finanzieren. Swen Keller, selbst Mutterkuh- und Schafhalter und Vorsitzender der IG Herdenschutz plus Hund, sieht das ebenfalls positiv.
Allerdings: "Das Land hat die Förderung von Herdenschutzmaßnahmen für Hobbyhalter eingestellt. Das ist eine ganz fatale Geschichte, denn bei den Hobbyhaltern können sich die Wölfe trainieren und kommen dann geschult zu uns, und unsere Maßnahmen müssen immer ausgefeilter und extremer werden." Da ist es wieder – das Problem mit nicht wolfssicheren Zäunen, an denen die Wölfe das Springen erlernen. Und damit erst zu Problemwölfen werden.
Abschuss für Keller keine Lösung
Problemwölfe dürfen seit einem Jahr geschossen werden. Als solche gelten Wölfe, die mehrfach Weidetiere gerissen haben. Doch wer garantiert, dass der richtige Wolf vor die Flinte läuft? Auch deshalb sieht Swen Keller die Lösung nicht im Abschuss, sondern im konsequenten Herdenschutz. "Wir können Wölfe entweder ausrotten oder mit ihnen leben – dazwischen gibt es nichts."
Unterschiede beim Herdenschutz in Tschechien und in Deutschland
In Tschechien wird der Herdenschutz nach der Größe der beweideten Fläche bezuschusst. Für gerissene Tiere werden tschechische Halter deutlich höher entschädigt als hier. Da können deutsche Tierhalter nur neidvoll nach Südosten gucken – obwohl das Geld aus EU-Töpfen kommt. Die großen Tierhalter in Sachsen-Anhalt haben ihren Herdenschutz optimiert und verzeichnen kaum noch Wolfsangriffe. Es sind vor allem Hobbyhalter, die betroffen sind.
Momentan sind in der Rissstatistik für Sachsen-Anhalt 92 gerissene Weidetiere für dieses Jahr ausgewiesen, davon 68 Schafe. 2023 waren es insgesamt 252 Tiere. Im Rekordjahr 2020 starben 335 Tiere durch den Wolf. Doch sehr aussagekräftig ist die Statistik nicht: viele melden die Übergriffe gar nicht mehr, wegen der Bürokratie und weil die Entschädigungen so niedrig sind.
MDR (Annette Schneider-Solis, Oliver Leiste)
Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. September 2024 | 12:00 Uhr
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