Ausbau des Fernwärmenetzes Landeigentümer verzögern Fernwärmeleitung für Leipzig
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27. März 2025, 16:19 Uhr
Die Produktion von Wärme und Strom soll in Deutschland klimafreundlicher werden. Das Ziel ist, dass bis 2045 gar keine klimaschädlichen Treibhausgase mehr für die Energieerzeugung freigesetzt werden. Die kommunale Wärmeplanung soll festlegen, wie das erreicht werden kann. Eine wesentliche Rolle spielt dabei - auch in Leipzig - die Fernwärme. Doch Grundstückseigentümer verzögern gerade den Bau der Leitung zwischen Leuna und Leipzig.
- Die Stadt Leipzig setzt künftig auf Fernwärme und will die Abwärme einer Raffinerie nutzen.
- Eigentümer von Äckern bei Leuna wollen jedoch nicht, dass auf ihren Grundstücken die Fernwärmeleitung entsteht.
- Ein Gutachten soll nun klären, welche Auswirkungen die Leitung auf die Grundstücke und deren Nutzung hat.
Mit dem 2023 beschlossenen sogenannten Heizungsgesetz hat die Ampelkoalition einen Schritt in Richtung Energiewende getan. Bis 2030 soll die Hälfte der Wärme in Deutschland klimaneutral erzeugt werden, zum Großteil durch Fernwärme. Bis 2045 ist dann die komplette Umstellung geplant. Auf einem Branchentreffen mit Politikern wurde zudem ein Ziel vereinbart: den Anschluss von 100.000 Gebäuden ans Fernwärmenetz pro Jahr. Dafür muss aber auch der Ausbau der Fernwärmeleitungen vorankommen.
Funde bei archäologischer Voruntersuchung
Auf einem Acker bei Quesitz in der Nähe von Leipzig soll bald eine Leitung für Fernwärme verlegt werden. Bevor die Arbeiten starten können, muss das Gebiet archäologisch untersucht werden. Der Archäologe Stefan Tessenow vom Landesamt für Archäologie Sachsen sucht im Rahmen des Projektes nach Zeugnissen aus der Vergangenheit. Etwa 50 Zentimeter Ackerboden werden zunächst abgebaggert. Dunkle Flecken in der Erde weisen darauf hin, dass es vor langer Zeit menschliche Eingriffe gegeben habe, erklärt Tessenow. Dort werde dann vorsichtig tiefer gegraben.
"Natürlich ist es dann für uns ein Glücksfall, wenn wir auch Fundmaterial finden, auf Grund dessen wir sagen können, wie alt die Gruben sind. Hier haben wir aus dem einen Befund ein großes Gefäßteil eines slawischen Topfes", erklärt Tessenow. "Wir sehen die für diese Zeit typische Wellenverzierung. Das fand man damals sehr schick und das sagt uns im Prinzip aus, dass es aus der mittelslawischen Zeit stammt." Das bedeutet, vor ungefähr 1200 Jahren haben hier Menschen gesiedelt.
Leipzig will Abwärme von Raffinerie nutzen
In der Folge des Heizungsgesetzes sind alle Großstädte bis 2026 verpflichtet, eine sogenannte Wärmeplanung vorzulegen. Diese legt genau fest, wie künftig jedes einzelne Gebäude ohne fossile Brennstoffe beheizt werden kann. Die Stadt Leipzig hat bereits einen Rahmenplan vorgestellt und setzt dabei vor allem auf Fernwärme. Der Anteil soll von 30 auf 60 Prozent verdoppelt werden.
Leipzigs Bürgermeister für Umwelt und Klima, Heiko Rosenthal, erklärte auf einer Pressekonferenz zu Beginn des Jahres, wie die Stadt das Ziel erreichen will. "Bezahlbarkeit als ein wesentlicher Aspekt, das heißt Wärme muss bezahlbar sein", erklärt der Linken-Politiker. Andere Aspekte seien die Versorgungs- und Planungssicherheit. "Die Hauseigentümer, groß wie klein, brauchen eine Basis um heute, wenn sie denn Entscheidungen treffen müssen, auch die richtigen Entscheidungen zu treffen."
Rund 20 Kilometer westlich von Leipzig steht die Raffinerie Leuna, bei deren Betrieb auch Abwärme entsteht. In der neuen Leitung soll die Abwärme der Raffinerie nach Leipzig ins Fernwärmenetz eingespeist werden. Der Sprecher der Stadtwerke Leipzig, Frank Viereckl, erläutert: "Sogenannte unvermeidbare industrielle Abwärme wird im Moment nicht genutzt. Die wird einfach in die Luft gejagt." Und die wolle man nutzen. "Ungefähr 38 Prozent des Leipziger Wärmebedarfs können wir so einsammeln. Und die unvermeidbare industrielle Abwärme gilt als CO2-neutral, weil das der Gesetzgeber so festgelegt hat."
Industrielle Abwärme wird im Moment nicht genutzt. (...) Ungefähr 38 Prozent des Leipziger Wärmebedarfs können wir so einsammeln.
Silvio Renke ist Projektentwickler und verantwortlich für ein Logistikzentrum. Er ist froh, wenn er seine Hallen zukünftig mit Fernwärme beheizen kann. Wie ihm geht es vielen Gewerbetreibenden im ländlichen Raum. "Wir heizen diese Anlagen momentan mit Öl und der Gesetzgeber verlangt ausdrücklich, dass wir von den fossilen Brennstoffen wegkommen sollen. Und deswegen freuen wir uns, wenn es die Möglichkeit geben würde, ans Fernwärmenetz angeschlossen werden zu können."
Grundstückseigentümer verzögern Bau der Fernwärmeleitung
Wegen der Fördermittel von rund 70 Millionen Euro vom Bund rechnet sich das Bauprojekt zwischen Leuna und Leipzig. Die Fernwärmeleitung ist durchgeplant und finanziert, nun sollte es eigentlich losgehen. Doch einige Anrainer wehren sich. Der Knackpunkt ist, die Leitung soll unter 515 Ackergrundstücken hindurchführen. Mit fast allen Eigentümern hat sich die Stadtwerke auf eine kleine Entschädigung geeinigt. Aber 16 Eigentümer aus Spergau lehnen das ab und verweigern den Zugang zu ihren Äckern.
"Ich weiß nicht, was das konkrete Thema ist, weil die Spergauer auch mit uns im Moment nicht sprechen", sagt Hartwig Kalhöfer, der bei den Stadtwerken die Wärmeplanung verantwortet. "Wir haben die angeschrieben, wir haben Bürgerveranstaltungen gemacht, zwei sogar im Landgasthof um die Ecke, wo wir wirklich vor Ort gekommen sind mit unseren technischen Experten, und haben gesagt, hier ist der Plan guckt euch an, was sind eure Bedenken, und es ist keiner gekommen." Man habe einige Angebote gemacht, aber die Spergauer hätten jeden Kontakt verweigert. "Wir wissen im Moment auch gar nicht, was wir weiter machen sollen."
Ende 2024 hat MDR INVESTIGATIV versucht, mit den Eigentümern zu sprechen. Vor der Kamera wollte sich jedoch keiner äußern. Und auch beim zweiten Versuch im März 2025 wollte niemand ein Interview geben. Ein Treffen zwischen beiden Parteien soll mittlerweile aber stattgefunden haben. Dem MDR gegenüber äußerten die Eigentümer folgende Argumente gegen den Bau auf den Äckern: "Die Bodenstruktur würde zerstört, durch Wärmeabstrahlung würde sich die Verdunstung ändern, Böden würden verdichtet, der Pachtzins würde geringer, da sich die Bodenqualität insgesamt verschlechtern würde."
Wir haben die angeschrieben, wir haben Bürgerveranstaltungen gemacht (...) und haben gesagt, hier ist der Plan guckt euch an, was sind eure Bedenken, und es ist keiner gekommen.
Gutachten sollen Klarheit bringen
Kalhöfer zufolge werden dazu nun Gutachten erstellt – eine übliche Vorgehensweise. Dabei gehe es darum zu überprüfen, ob sich der Wert des Grundstücks durch so eine Leitung ändere. "Und dazu wird es eine entsprechende Entschädigung geben, die eben gutachterlich durch einen neutralen Experten festgelegt wird. Und wir sind da zu jeder Verhandlung bereit."
Verhindern lässt sich der Leitungsbau wohl nicht: Das höhere Gut der Wärmeversorgung für zehntausende Haushalte in Leipzig überwiegt in der Rechtsprechung die individuellen Interessen. Zudem brachten die Eigentümer ihre Einwände nicht während des Planfeststellungsverfahrens ein. Für mögliche Änderungen, etwa an der Trassenführung, ist es damit zu spät. Das Projekt verzögert sich aber in jedem Fall.
Nach Aussage von Kalhöfer ist die Verzögerung schon eingetreten. Die archäologische Voruntersuchung für die betroffenen Grundstücke in Spergau sei um ein Jahr verschoben worden. Die Archäologen müssten nun zweimal kommen und für diese Untersuchung bezahlt werden.
Derweil steigen auch die Baupreise. Trotz aller Schwierigkeiten – im Mai 2025 soll der Bau der Leitung starten.
Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Exakt | 26. März 2025 | 21:15 Uhr