Nach Insolvenz Neustart für Dünger-Pioniere in Haldensleben
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03. April 2025, 09:05 Uhr
2022 ging die junge Firma Seraplant insolvent. Grund waren die hohen Gaspreise. Eine Investorengruppe wagt nun den Neustart, steht aber weiterhin vor einigen Hürden. Ihr Geschäftsmodell, aus Klärschlamm Phosphor zu gewinnen, beruht auf einer EU-Bestimmung.
- Das Unternehmen Seraplant gewinnt mit seinem Verfahren Phosphor aus Klärschlamm.
- 2022 ging die junge Firma insolvent. Mit neuen Investoren wird nun ein zweiter Anlauf gewagt.
- Fehlende Erfahrungswerte und hohe Energiepreise sind ein Problem.
Nutzen wir zu Hause einen Geschirrspüler oder wäscht ein Bauernhof Spargel für den Verkauf, dann landet Abwasser früher oder später in der Kläranlage. Dort wird das Wasser aufbereitet. Was zurückbleibt, ist unter anderem Klärschlamm. Den müssen die Betreiber kommunaler Kläranlagen loswerden und zahlen für die Entsorgung. Häufig landet der Schlamm heutzutage in der Verbrennung.
Ab 2029 gilt für größere Kläranlagen und ab 2032 für mittlere Anlagen die Pflicht zum Phosphor-Recycling. Denn der kritische Rohstoff kommt häufig aus politisch instabilen Ländern und kann durch Krisen wie den Ukraine-Krieg knapp und teuer werden. Durch die Verordnung kommen – so die Theorie – große Mengen Klärschlamm auf den Markt, die neue Abnehmer und Verwerter brauchen. Viele Firmen suchen nun unter Zeitdruck Wege, um wirtschaftlich erfolgreich in dieses neue Geschäft einzusteigen. Verbrannt oder entgast wird der Schlamm wohl weiterhin. Auf die übrig gebliebene Asche hat es die Firma Seraplant in Haldensleben abgesehen.
Phosphor-Kreislauf soll entstehen
Denn der Schlamm enthält Nährstoffe, wie beispielsweise Phosphor. Früher war es deshalb relativ verbreitet, Klärschlamm als Dünger in der Landwirtschaft zu nutzen. Aufgrund gesetzlicher Vorschriften zum Düngen ist diese Nutzung aber rückläufig, denn der Schlamm kann auch Schadstoffe, Hormone oder Schwermetalle enthalten. Die Idee von Seraplant: aus der Asche sauberen Dünger herstellen. Damit ging die Firma 2020 an den Start und erhielt mehr als acht Millionen Euro Förderung von Land, Bund und EU. Doch 2022 ging die Firma aufgrund hoher Gaspreise insolvent. Nun wagen neue Investoren den zweiten Versuch. "Wir haben das deshalb gemacht, weil wir denken, dass das Geschäftsmodell der Seraplant innovativ und langfristig erfolgreich sein kann", sagt einer der Gesellschafter, Daniel Trutwin.
Es ist ein Stück weit Pionierarbeit, die die Firma Seraplant auch in ihrer zweiten Produktionsphase leistet. Immer wieder müssen Maschinen und Verfahren abgeschaltet und optimiert werden. "Wir sind einer der ersten Betriebe, die das im Großserienformat anbieten, daher gibt es kaum Erfahrungen mit den Verfahren und Prozessen. Wir müssen uns das mit viel Schweiß und auch Geld erarbeiten", heißt es von der Geschäftsleitung. Bisherige Produktionsreihen hätten aber gezeigt, dass das Verfahren funktioniere und wirtschaftlich betrieben werden könne. In der Entwicklung seien auch Düngemittel aus alternativen Säuren, um den Anteil an frischem Phosphor weiter zu reduzieren.
Verfahren ist innovativ, aber teuer
Grob gesagt wird bei Seraplant Klärschlammasche mit frischer Phosphorsäure und Wasser aufgeschlossen, und im sogenannten Wirbelschichtverfahren zu Düngekörnern aufgeschichtet. 60.000 Tonnen Dünger könnte das Unternehmen im Jahr produzieren. Das Hauptproblem: Nach wie vor braucht das Verfahren viel Energie, vor allem Gas, was die Produktionskosten erhöht. Wirtschaftlich ist die Herstellung von Dünger in der Anlage in Haldensleben noch nicht, auch wenn es bereits internationale Kunden gibt. Laut Gesellschafter Trutwin ist der Dünger auch in Ländern gefragt, wo bereits heute härtere Düngevorschriften als in Deutschland gelten.
Allerdings: Die Anlage im Südhafen von Haldensleben darf bisher nur Klärschlamm nutzen, der ohnehin schon sauber genug für die Nutzung in der Landwirtschaft wäre. Entsprechend sauber ist der Dünger. Andersrum kann Seraplant auch nicht von allen Klärwerken Schlamm annehmen. Ein weiteres Großprojekt in Schkopau dürfte dabei zur Konkurrenz werden. Seraplant prüft deshalb, künftig auch selbst Schadstoffe aus der Asche zu filtern.
Seraplant hofft auf Gesetzgebung
Die Geschäftsführung glaubt: Seraplant kann bestehen, wenn die Rahmenbedingungen richtig sind. Spätestens ab 2029, wenn die neuen Vorschriften gelten. Daniel Trutwin kritisiert aktuell bürokratische Hürden. Zudem würde trotz des Ukraine-Kriegs weiterhin billiger russischer Dünger massiv den Marktpreis drücken. Auch sei es in Deutschland noch nicht geklärt, wie die Kosten für das Phosphorrecycling umgelegt werden. Eigentlich, so die Geschäftsleitung bei Seraplant, müssten die Abwassergebühren um etwa zwei Cent steigen, damit die Betreiber der Klärwerke mehr an Firmen wie ihre für die Aufarbeitung des Schlamms zahlen könnten. Bisher sei das aber nicht möglich. Nur die Kosten für die (deutlich günstigere) Entsorgung könnten umgelegt werden.
Der Wasserverbandstag, der vor allem die Kläranlagenbetreiber mit bis zu 100.000 Einwohnern im Einzugsgebiet vertritt, bestätigt: Die Kapazitäten in der Verbrennung sind bereits da. Beim Phospohor-Recycling hingegen seien sie überschaubar, weshalb viel Klärschlammasche zwischengelagert werde. Auch hier ist man sich sicher – höhere Kosten für die Verwertung des Rohstoffs werden auch die Abwasserkosten für Bürger erhöhen.
MDR (Max Hensch, Sebastian Gall)
Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 02. April 2025 | 19:00 Uhr
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