Kunst in unruhigen Zeiten Osten – Festival-Abschluss in Bitterfeld-Wolfen
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16. Juni 2024, 16:52 Uhr
Umbruch, Transformation Veränderung – diese Begriffe sind in der Region Bitterfeld-Wolfen seit Jahren in nahezu jeder Rede zu hören. Das Kunstfestival Osten findet also dort statt, wo viele von einer Problemzone sprechen. Als Festival für gegenseitiges Interesse geplant, sollten unterschiedliche Menschen und Ideen zusammenfinden. Doch kann Kunst das heilen, was derzeit die Menschen auseinanderreißt, nämlich mangelnde Toleranz? Und was passiert, wenn sich plötzlich die AfD einmischt?
- Das Festival "Osten" versucht, mit Kunst und Kultur in politischen Debatten zu vermitteln.
- Die Region Bitterfeld-Wolfen gilt als Problemzone, doch das Wort "Transformation" könnten viele nicht mehr hören, so die Festivalmacher.
- Aktuelle Wahlergebnisse brachten 37 Prozent für die AfD – was bedeutet das für das Festival?
Das Kulturfestival "Osten" in Bitterfeld-Wolfen geht zu Ende. Und es verursachte Aufmerksamkeit unterschiedlicher Art. Bierflaschen, mit Wasser gefüllt und einem heraushängenden Stück Stoff, schafften es für ein Wochenende sogar in die Schlagzeilen. Ein Bitterfelder AfD-Bundestagsabgeordneter hatte Anzeige erstattet, wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Waffengesetz.
Die Flaschen-Installation war der Festivalbeitrag einer ukrainischen Kunststudentin, die so auf die Situation in ihrer Heimat aufmerksam machen wollte. Für Christian Tschirner, einen der Festivalmacher, kam diese politische Einmischung überraschend: "Wir haben ganz viel Wohlfühlprogramme hier, sogar eine Wasserrutsche. Aber ein bisschen anecken müssen wir auch. Man soll sich schließlich gegenseitig zuhören, auch wenn man anderer Meinung ist." Andere Meinungen gab es, doch zu einem Zuhören führte das eben nur bedingt.
Kann Kultur eine Gesellschaft reparieren?
Das Festival lebt nicht nur von den über einhundert beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, sondern auch von den zahlreichen Menschen vor Ort, die in das Festival eingebunden sind. Institutionen wie Kindergärten, Schulen, Malzirkel oder Tanzgruppen sind beteiligt. Das Festival für gegenseitiges Interesse zieht durchaus Menschen an, die nicht zum typischen Kulturpublikum zählen.
Aber auch Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra (CDU) war vor Ort. Für ihn haben solche Veranstaltungen eine zunehmend wichtige Funktion in der gesellschaftlichen Debatte: "Wir haben ja auf der Fahrt hierher die Plakate gesehen, auf denen dann zu lesen war: Gegen rechts. Das rauscht an den Leuten vorbei. Wir wissen alle nicht, was wirklich hilft. Ich bin fest davon überzeugt, dass Kunst und Kultur Instrumente haben, die wieder Vision vermitteln." Doch sind Kunst und Kultur eine Art Reparaturservice für gesellschaftliche Fehlentwicklungen, oder ist das nicht eine Überforderung?
Politik ist keine Kunst – doch Kunst bringt neue Töne in Debatten
Dies herauszubekommen ist der künstlerische Anspruch von Tanja Krone. Sie selbst ist im vergangenem Jahr als Kandidatin für die Oberbürgermeisterwahl in Mannheim angetreten und vermittelt ihre politischen Erfahrungen nun in Workshops. Im Rückblick auf ihren eigenen Wahlkampf stellt sie nun fest: "Das spielerische Moment fehlt in der Politik. Es wird über die Themen gesprochen, die man sich gesetzt hat. Es wird nie Neues versucht oder kreativ nach Lösungsmöglichkeiten geschaut. Man weiß halt, was die Leute hören wollen."
Wer nach Mehrheiten sucht, muss sich eben auch bemühen, diese Mehrheit zu erreichen. Natürlich sind Menschen aus dem Kunst- und Kulturbereich nicht unbedingt die besseren Politiker, aber sie könnten in die politischen Debatten andere Ideen und Töne einbringen. Auch nach dem Workshop in Bitterfeld-Wolfen stehe sie in diesem Zwiespalt, sagt Tanja Krone: "Wir müssen uns engagieren, denke ich eigentlich. Und gleichzeitig glaube ich, dass es in der Politik keinen Raum gibt für kreative Perspektiven."
"Transformationsprozess" – ein politisches Modewort
Filmstraße, Kunstseidestraße, Dämmstoffstraße – die Schilder lassen ahnen, was auf dem großen Gelände rund um das Industrie- und Filmmuseum einst tausende von Menschen in Lohn und Brot hielt. Die alten Industrien sind verschwunden, von Transformation ist die Rede.
Für Christian Tschirner von der Festivalleitung wird dieser Begriff zunehmend zu einem politischen Modewort: "Was für eine Transformation meint man denn jetzt eigentlich? Die Schließung der Industrie nach 1989 ist ein anderer Transformationsprozess als der, der uns jetzt mit den klimatischen Veränderungen bevorsteht. Transformation – viele Leute können es nicht mehr hören." Denn derzeit scheint sich ja ein ganzes Land im Umbruch zu finden. Kunst könne in diesen Debatten Räume öffnen, so Tschirner, doch: "Wir sollten nicht versuchen, alle Probleme zu lösen."
37 Prozent für die AfD – Zukunft des Festivals "Osten" ist ungewiss
Rund zwei Jahre haben die Mitglieder vom Verein Kulturpark e.V. an der Neuauflage des Festivals gearbeitet, Unterstützer angesprochen, Vereine vor Ort, sowie Menschen aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Auch dies ist eine Kunst, genügend Unterstützung zu finden, sowohl finanziell wie auch ideell. Und natürlich wird schon an einer weiteren Ausgabe des Festivals gearbeitet.
Doch seit der Kommunalwahl in Sachsen-Anhalt haben sich auch in Bitterfeld Wolfen die Verhältnisse geändert. Mit rund 37 Prozent fuhr die AfD eines ihrer besten Ergebnisse ein. Die Festivalmacher haben das natürlich zu Kenntnis genommen, so Christian Tschirner: "Was das genau bedeutet, wissen wir noch gar nicht. Aber leichter wird es nicht dadurch."
Redaktionelle Bearbeitung: jb
Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Juni 2024 | 07:10 Uhr