Gelebte Inklusion Dresdner Hotel baut auf Menschen mit Einschränkungen
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22. Juni 2024, 07:00 Uhr
Der Fremdenverkehr in Dresden erholt sich wieder - auch Dank größerer Konzerte in der Stadt. Auch das neue "Hotel Am Schwanenhaus" profitiert davon mit hoher Auslastung. Das freut natürlich die Belegschaft, die sich aus Fachkräften und Menschen mit Einschränkungen zusammensetzt. Der Hotelgast soll deshalb aber nicht auf professionellen Service verzichten müssen. Nur Stress soll für alle vermieden werden, wünscht sich der Hoteldirektor.
- Mitarbeitende mit Einschränkungen freuen sich auf Kontakt mit den Hotelgästen.
- Ein Kellner hofft auf den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt.
- Die Beschäftigten mit Einschränkungen arbeiten im Service, im Housekeeping und in der Küche.
Luise Scholz und Jonas Plaumann sind ein eingespieltes Team. Die beiden jungen Leute richten im "Hotel Am Schwanenhhaus" in Dresden ein Zimmer für die Gäste her, die in wenigen Stunden anreisen werden. Sie überziehen die Betten, schütteln die Kissen zurecht und drapieren den Bettläufer fein säuberlich. Hernach werden Wasserkocher, Notizzettel und Bleistift korrekt gerückt und geprüft, ob der Safe offen und leer ist.
"Wir arbeiten gerne zusammen und helfen uns gegenseitig", berichtet Luise Scholze. Ihr Kollege ergänzt, dass sie keine vorgegebene Zeit für Hausservice hätten. "Aber manchmal muss es schon schnell gehen", sagt er. Das Hotel mit 26 Zimmern beschäftigt nach Angaben von Direktor Mathias Terpe sechs Fachkräfte aus der Hotellerie und Gastronomie, sechs Mitarbeitende mit Handicap sowie zwei Azubis. Sie unterstützen in allen Bereichen des Hotels.
Behindertenhilfe mit vielen Inklusionsmodellen
Das Hotel wird von der Evangelischen Behindertenhilfe Dresden betrieben, zu der auch Werkstätten, ein Supermarkt und das Café Llodys gehören, in dem ebenfalls Menschen mit Down Syndrom, Autismus oder Lernschwäche arbeiten können. Der Einsatz dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfolge entsprechend ihren Möglichkeiten, sagt Mathias Terpe. So kann beispielsweise ihre Arbeitszeit begrenzt sein. Die meisten Menschen mit Einschränkungen im Hotel kommen aus anderen Bereichen der Evangelischen Behindertenhilfe. Sie können im Hotel neue Arbeitsfelder und darin wiederum eigene Stärken entdecken.
Was gleich beim ersten Besuch auffällt: Die Mitarbeitenden schätzen die Verantwortung, die ihnen übertragen wird. Und sie widmen sich mit Hingabe den Wünschen der Gäste und sind spürbar Stolz, dass sie anderen Menschen eine angenehme Auszeit im Hotel ermöglichen können.
Neues Hotel mit Auslastung bisher zufrieden
Mathias Terpe hat zuvor ein anderes Hotel in Dresden geleitet und kennt die Branche. Nach seinen Angaben gebe es nur sehr wenige Hotels in Deutschland, die Menschen mit Einschränkungen beschäftigen. Das liege auch daran, dass solche Stellen im Wettbewerb wirtschaftlich kaum darstellbar seien. Menschen mit Einschränkungen benötigten für viele Tätigkeiten mehr Zeit und zusätzliche Anleitung, bis sich Routine in den Abläufen einstellt.
In Dresden scheint das Konzept aufzugehen: Die Auslastung liege bei rund 85 Prozent, sagte Terpe. Insbesondere die Großkonzerte hätten für teilweise ausgebuchte Zimmer gesorgt. Bei den Preisen orientiere man sich an den jeweils aktuellen Dresdner Hoteltarifen. Ziel sei es, dass die Gäste im "Hotel Am Schwanenhaus" gar nicht merken, dass ein Teil der Belegschaft mit Handicaps lebt.
Hoffnung auf Chance im ersten Arbeitsmarkt
Eigentlich klappe es immer prima, sagt Basher Sekandar, der 1999 aus Afghanistan nach Deutschland gekommen war und im Hotel unter anderem das Frühstück den Gästen serviert. Nur einmal habe eine Frau etwas ungehalten reagiert, weil versehentlich ein Cappuccino bei der Bestellung vergessen wurde. Das kann aber im Stress in den besten Häusern passieren.
Hoteldirektor: Stress im Arbeitsalltag vermeiden
Stress solle im Arbeitsablauf vermieden werden, sagte Hoteldirektor Mathias Terpe. Gerade für Menschen mit Einschränkungen seien strukturierte Arbeitsabläufe wichtig. Mitarbeiter Basher Sekandar hat einen großen Wunsch: Er möchte nach der Tätigkeit im "Hotel Am Schwanenhaus" einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt - also ohne staatliche Förderung. In der Gastronomie und insbesondere beim Umgang mit den Gästen blüht er spürbar auf.
Mitarbeitende werden in verschiedenen Hotelbereichen eingesetzt
Ebenso begeistert von ihrer Arbeit ist Susanne Götze. Sie ist eine Art gute Fee im Hintergrund, die Küche ist ihr Reich. Dort bereitet sie das Geschirr vor und reinigt nach dem Abräumen die Teller, Tassen und das Besteck an einem modernen Spüler - mit routinierten Handgriffen, obwohl sie erst wenige Wochen zur Belegschaft gehört.
Mika Harbig ist seit der Hoteleröffnung Ende März dabei. Er arbeitet gerne im Frühstücksservice und packt auch in der Küche mit an, wenn dort Hilfe benötigt wird. Der 20 Jahre alte Azubi gehört zu den ruhigeren Leuten in der Belegschaft und versucht immer, den Gästen ihre Wünsche von den Augen abzulesen.
Nachhaltigkeit und Inklusion als Ziele
Das junge Hotel setzt nach Angaben von Hoteldirektor Terpe neben der Integration von Menschen mit Einschränkungen auch auf Nachhaltigkeit. Beispielsweise verwende man für das Frühstück regionale Produkte in Bioqualität. In den Zimmern werde auf Minibars verzichtet. Stattdessen setzte man auf zentrale Selbstbedienungsbars am Ende der Hotelflure, was Stromkosten spare. Übrigens gibt es auch noch eine echte Hotelbar mit Bedienung.
Das Hotel zwischen Diakonissen-Krankenhaus und Elbe befindet sich im Obergeschoss eines Altenzentrums, das in den vergangenen Jahren umgebaut und erweitert wurde. Am Nachmittag bietet das Hotel ein kleines Café-Angebot, das auch für Gäste geöffnet ist, die nicht im Hotel nächtigen.
Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden | 19. Juni 2024 | 18:30 Uhr