Mittwoch, 29.01.2025: Mutter Teresa
Vor 40 Jahren nimmt eine der berühmtesten Frauen des 20. Jahrhunderts das Thema der Kulturhauptstadt "C- the unseen" schon mal vorweg. Sie übersetzt es mit "Siehe die ungesehenen", also die Menschen, die arm und einsam sind. An denen viele Menschen vorbeisehen, sie gar nicht wahrnehmen oder bemerken wollen.
Die berühmte Frau kommt 1983 mit einem völlig überladenen Trabi von Berlin nach Chemnitz gebraust. Sieben Personen sind an Bord: fünf Ordensschwestern, hinterm Lenkrad ein Priester, sogar eine Fotografin quetscht sich in die Ablage des Kofferraums. Der Trabi wird von der Stasi beobachtet - aber nicht gestoppt.
Den die kleine berühmte Frau inmitten der eigenartigen Reisegruppe ist Mutter Teresa. Friedensnobelpreisträgerin und Staatsgast.
Sie hat einen Blick für ungesehene Menschen, sie sieht sie in der ganzen Welt, und an dem Tag ist Karl-Marx-Stadt ihr Ziel.
Diese zarte, aber willensstarke Frau verbindet mit Chemnitz eine ganz besondere Geschichte: An einem heißen Nachmittag wird sie gefragt, ob sie nicht neben Ost-Berlin noch eine zweite Niederlassung in der DDR gründen wolle. Man hält ihr den Atlas vor die Nase, zeigt mit einem Finger auf den Ort, sie liest den Namen. "Karl-Marx-Stadt?" Mutter Teresa muss nicht lange überlegen. "Das machen wir!"
Und so kommt es zu der übervollen Trabifahrt nach Sachsen und der Gründung einer Niederlassung der "Schwestern der Nächstenliebe" in der sächsischen Stadt an der Chemnitz. Die weltweit agierenden Schwestern gehen nur dorthin wo sie Armut sehen und lindern können. Für die Bedürftigen will Mutter Teresa mit ihren Schwestern da sein Dabei ist das, was sehen, dem sozialistischen Staat ein Dorn im Auge - Arme in der DDR?
Das ist für die Häupter der Stadt schwer zu verwinden, aber einer Friedensnobelpreisträgerin kann man nicht die Tür weisen. Und so muss sich selbst die DDR-Regierung, die eigentlich keine Armut kennen will, einlassen auf diese radikale Form der Nächstenliebe, die Mutter Teresa und ihre Schwestern nach Chemnitz bringt und die noch heute so viel Licht wirft auf Ungesehenes.
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