
Kinohit Oscar-Kandidat "Flow": Ganz Lettland fiebert mit
Hauptinhalt
26. Februar 2025, 05:00 Uhr
Der Animationsfilm "Flow" begeistert Publikum und Kritiker weltweit – und könnte Lettland gleich zwei Oscars bescheren. Der Film erzählt die bewegende Geschichte einer schwarzen Katze, die sich nach einer Flut mit anderen Tieren arrangieren muss. Die lettische Animationsszene erlebt dank dieses Überraschungshits einen neuen Aufschwung. Ganz Lettland fiebert mit und feiert seinen erfolgreichsten Film aller Zeiten.
Auf dem Platz nahe dem Freiheitsdenkmal in der lettischen Hauptstadt Riga gibt es derzeit einen neuen Fotospot – große, weiße Buchstaben, die das Wort "RIGA" formen. Auf dem Buchstaben "A" sitzt eine schwarze Katze mit einem langen Schwanz. Trotz der eisigen Temperaturen von -10 °C im Februar sind dort immer Menschen anzutreffen. Die Katze ist die Hauptfigur des Animationsfilms "Straume" (deutsch "Strom", englisch "Flow"), der kürzlich zum erfolgreichsten Film in der Geschichte Lettlands wurde.
Der wortlose Film in 3D-Animationstechnik erzählt die Geschichte eines Individualisten – einer kleinen schwarzen Katze und einer Handvoll anderer Tiere, die nach einer katastrophalen Flut offenbar die einzigen Überlebenden sind. Sie retten sich auf ein Boot und müssen lernen, trotz ihrer Unterschiede friedlich zusammenzuleben.
Oscar-Nominierung in zwei Kategorien
Der lettische Regisseur Gints Zilbalodis (30) und sein Team aus Frankreich und Belgien brachten mit "Flow" bereits das Publikum in Cannes zum Staunen und gewann in der Folge mehr als 80 Preise, u.a. den Europäischen Filmpreis und den Golden Globe. Jetzt hat der Streifen die Chance, in gleich zwei Kategorien einen Oscar zu bekommen: als "Bester internationaler Spielfilm" und als "Bester Animationsfilm". Ganz Lettland fiebert mit.
"Ich verfolge die lettische Filmindustrie nicht sonderlich, aber es macht mich stolz, dass unser Land so etwas geschaffen hat", sagt ein junger Mann mit einer bunten Strickmütze in der Fußgängerzone von Riga. "Es ist schön zu sehen, dass nicht immer nur typisch amerikanische Filme wie die beliebten Marvel-Superhelden nominiert werden", ergänzt er. "Es ist wunderbar zu wissen, dass die baltischen Staaten so viele Preise gewinnen können", erzählt eine blonde Frau aus Tallinn, der Hauptstadt des Nachbarlands Estland. "Das ist ein großer Erfolg. Dank dieser Filmemacher ist unser kleines Land nun weltweit bekannt. Es ist ein tolles Gefühl, in einem solchen Land zu leben", sagt ein Mann auf Russisch, offenbar Angehöriger der russischen Minderheit in Lettland.
Großer Hype um Oscar-Kandidaten "Flow"
Der Stolz auf den Film ist in Riga allgegenwärtig. Unzählige Plakate mit den Filmfiguren sind in der Stadt zu sehen, Regisseur Zilbalodis wurde zum "Rigaer des Jahres" erklärt, und in den Rigaer Bars werden Cocktails namens "Doppel-Oscar" serviert. Der Animationsfilm wurde sogar in der Neujahrsansprache des lettischen Präsidenten Edgars Rinkēvičs erwähnt, und die Regierung verspricht nun zusätzliche Mittel für die Filmbranche. Viele Kinovorstellungen sind ausverkauft, und "Flow" hat sich zum meistverkauften Film in der Geschichte Lettlands entwickelt.
Kein Wunder, dass Fanartikel zum Film reißenden Absatz finden. Das Brettspiel "Flow" war im Nu ausverkauft, und T-Shirts mit schwarzen Katzen sind zum Modetrend geworden. "Wir haben uns im Spätsommer mit dem Filmteam getroffen und gespannt auf die Premiere in Lettland gewartet", erzählt Elīna Berklava, Leiterin des Design-Geschäfts "M50", das T-Shirts mit Motiven aus dem Film verkauft. Damals habe es keinen Hype gegeben.
"Alles lief ruhig, bis der Film den Golden Globe gewann – dann explodierte die Nachfrage. Als die Oscar-Nominierungen verkündet wurden, wurde unser Online-Shop regelrecht überrannt. Wir waren kaum auf ein so großes Volumen vorbereitet", so Berklava. Die Bestellungen kommen der Geschäftsfrau zufolge nicht nur aus Lettland, sondern aus aller Welt: Amerika, Neuseeland, Australien, Saudi-Arabien und aus ganz Europa.
Animationsfilm hat in Lettland Tradition
Für die lettische Filmkritikerin Dace Čaure ist es kein Zufall, dass der Film solche Erfolge feiert: "Wir haben hier in Lettland seit der Sowjetzeit und auch davor schon eine starke Tradition von Animationsfilmen. Deren Pioniere wie Ansis Bērziņš und Roze Stiebra gingen bereits mit großer Kreativität an die Sache heran."
In Osteuropa sei das Publikum zudem an anspruchsvollere Animationsfilme stärker gewöhnt als im Westen, erklärt die Kritikerin weiter. "Während der Sowjetzeit war die Animation eine vergleichsweise schlecht kontrollierte Branche, und die staatliche Zensur unterschätzte ihre Möglichkeiten. Die Einbeziehung versteckter Bedeutungen in surreale Bilder sind ein wesentlicher Bestandteil lettischer Animation. Und es ist etwas, womit viele Letten aufgewachsen sind. Nach der Unabhängigkeit wurde diese Tradition fortgeführt, und das ist teilweise der Grund, warum wir so starke Animatoren haben."
Nach der Reorganisation des 1969 gegründeten Filmstudios "Telefilma Rīga", wurde 1991 die Filmproduktionsgesellschaft "Dauka" gegründet, die bis 2009 arbeitete. In deren Animationsfilmen dienten häufig literarische Werke lettischer Autoren als Vorlage, etwa die Märchen von Imants Ziedonis, die Gedichte von Ojārs Vācietis, Rainis und Aspazija sowie Motive aus lettischen Volksmärchen. Die Musik wurde von beliebten lettischen Komponisten wie Imants Kalniņš, Zigmars Liepiņš und anderen komponiert. Viele Letten, die heute 30 oder 40 Jahre alt sind, sind mit den Filmen aus diesem Filmstudio aufgewachsen.
Ein weiterer Grund für den Erfolg von "Flow" ist laut Expertin die günstige Produktionsweise: "Man kann Animationen fast ohne Budget realisieren, was für Lettland ein Vorteil ist. Gints Zilbalodis hat seit Jahren vieles selbst mit Hilfe kostenloser Computerprogramme erstellt, oft bei sich zu Hause unter den Augen seiner Katze." Auch das Budget von "Flow" war mit 3,5 Millionen Euro extrem niedrig im Vergleich zu anderen Filmen, die für die prestigträchtigen Auszeichnungen nominiert sind.
"Flow" – ein Film zur richtigen Zeit
Sozialanthropologe Klāvs Sedlenieks, assoziierter Professor an der Stradiņš-Universität in Riga, sieht den riesigen Erfolg des Films dagegen als Glücksfall: "Es ist ein wenig wie im Sport. Lettland hatte etwa die Marathonläuferin Jelena Prokopchuka, die viele Wettkämpfe gewann, das bedeutet aber nicht, dass plötzlich alle Letten herausragende Marathonläufer werden."
"Flow" greife viele aktuelle Themen auf, ohne erzieherisch zu sein: "Die Angst vor einer großen Flut, einer Klimakatastrophe, ist weltweit präsent. Aber jeder liebt auch Katzen – kleine, sympathische Tiere. Und da der Film ohne Sprache auskommt, nur mit echten Tiergeräuschen, kann sich jeder in die Geschichte hineinversetzen. Es geht nicht um Nationalität oder Ethnie, nicht um Letten, Amerikaner, Japaner oder Zulu. Die Tiere stehen für das Menschliche", betont Sedlenieks.
Neue Welle der lettischen Animation
"Zur Zeit erleben wir einen Aufschwung der lettischen Animation", meint Filmkritikerin Čaure. "Unsere Filme, meistens Kurzfilme, werden seit über zehn Jahren auf internationalen Festivals beachtet und hoch bewertet, bleiben meist aber nur in diesem engen Umfeld. 'Flow' könnte nun die lettische Animation in neue Gewässer führen und auch mehr internationale Kooperationen ermöglichen."
Ein Risiko bestehe allerdings: "Wenn die besten lettischen Animatoren attraktive Angebote aus dem Ausland bekommen, könnte das Talent abwandern. Doch ich hoffe wirklich, dass dieser Erfolg mehr junge Leute für die Animationsbranche begeistert. Dass es nicht nur ein paar Nerds geben wird, die endlos sitzen und irgendwelche Filme zeichnen wollen, sondern auch, dass viele andere erkennen, dass das eine sehr coole Sache ist."
Unsere Autorin
Agnese Vasermane (Agnes Wassermann) ist Radiojournalistin, deren Stimme fast jeder in Lettland schon gehört hat. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet sie als Nachrichtenredakteurin und Moderatorin sowohl im öffentlich-rechtlichen als auch in verschiedenen kommerziellen Rundfunkanstalten. Agnese Vasermane besuchte Anfang der 1990er Jahre eine Schule mit vertieftem Deutschunterricht, danach studierte sie Kultur- und Medienmanagement und nahm an verschiedenen journalistischen Weiterbildungsprogrammen und Projekten in ganz Deutschland (München, Hamburg, Berlin, Düsseldorf u. a.) teil.
MDR (baz)
Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Heute im Osten | 01. März 2025 | 07:17 Uhr