Fachkräfte fehlen Pflegeheime müssen immer mehr Anfragen ablehnen
Hauptinhalt
05. April 2025, 13:27 Uhr
Thüringens Pflegeheime können wegen fehlendem Personal aktuell mehr als 280 Plätze nicht belegen. Einer Umfrage der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände zufolge gibt es das Problem im ganzen Freistaat. Allein die Arbeiterwohlfahrt (Awo), mit 64 Einrichtungen größte Pflegeheimbetreiberin in Thüringen, muss zehn Anfragen pro Tag ablehnen.
- In Pflegeheimen gibt es mittlerweile deutlich mehr Nachfragen als freie Plätze.
- Überalterung, viele Renteneintritte und der Zerfall klassischer Familienstrukturen verstärken das Problem.
- Manche fordern ein Umdenken, damit das vorhandene Personal ausreicht.
- Immerhin steigt die Zahl der Auszubildenden im Pflegeberuf wieder an.
Die Taschentuchbox für die Angehörigen ist eines ihrer wichtigsten Utensilien: Seit Nadine Kuhles wegen Mangel an Pflegefachkräften einen ganzen Wohnbereich mit 20 Plätzen schließen musste, kommt sie immer öfter zum Einsatz.
Im Schnitt muss die Leiterin des Altenpflegezentrums Hildburghausen der Caritas-Trägergesellschaft St. Elisabeth pro Tag zehn Angehörige enttäuschen. "Es ist fürchterlich traurig, den verwaisten Wohnbereich zu sehen und gleichzeitig den verzweifelten Menschen sagen zu müssen, dass ich ihnen nicht helfen kann", seufzt sie.
Nadine Kuhles hat dieses Problem nicht allein. Gleiches berichtet ihre Kollegin Sabine Blask vom Erfurter Elisabethheim. Sie hat zwar noch keine Plätze abgemeldet, ist aber voll belegt und muss täglich etwa fünf bis sechs Anfragen ablehnen. "Ein Großteil der Anrufer", berichtet Sabine Blask sichtlich bewegt, "ist in einer Notsituation. Und das betrifft mich schon sehr, wenn die pflegenden Angehörigen überfordert sind, wenn ich merke, dass die Pflege zu Hause nicht mehr gesichert ist, dass es vielleicht auch in Richtung Gewalt geht, weil der Pflegeaufwand zu hoch wird."
Ein Großteil der Anrufer ist in einer Notsituation.
Zum Stichtag 31. Dezember 2024 konnten nach Angaben der Thüringer Heimaufsicht 283 Plätze wegen Personalmangels nicht belegt werden.
Zehn Absagen täglich bei der Awo
Eine Umfrage der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände zeichnet ein ähnliches Bild für den ganzen Freistaat. "Auch bei der Awo, der größten Pflegeheimbetreiberin in Thüringen, müssen im Schnitt täglich zehn Anfragen bezüglich der Aufnahme Pflegebedürftiger abgelehnt werden", erklärt Liga-Sprecher Thomas Müller.
Auffallend nach Angaben der Thüringer Heimaufsicht ist, dass die Einrichtungen nun deshalb auch häufiger freiwillig keine neuen Bewohner mehr aufnehmen. Im Februar gab es aufgrund von Personalmangel insgesamt 18 Belegungstopps. Davon sechs im Raum Gera, sieben im Raum Suhl und fünf im Raum Weimar. Nur ein Belegungsstopp im Raum Weimar wurde dabei behördlich angeordnet.
Im Jahr 2023 dagegen hatten nur sieben Einrichtungen gegenüber der Heimaufsicht Plätze abgemeldet. Fünf davon im Bereich Gera und zwei im Raum Suhl.
Die Menschen sind auf externe Hilfe angewiesen.
Ein ganzes Bündel an Ursachen
Allein bei der Caritas Trägergesellschaft "St. Elisabeth" gGmbH, mit neun Heimen einer der kleineren Anbieter, können aktuell 80 von 750 Plätzen nicht belegt werden. Wesentliche Gründe für den Personalmangel sind aus Sicht von Geschäftsführer Gundekar Fürsich die Überalterung der Gesellschaft in Thüringen, die in Rente gehende Boomer-Generation und der Zerfall der klassischen Familienstrukturen. "Die Tochter pflegt die Mutter, das geht nicht, wenn sie nach der Wende in ein anderes Bundesland gezogen ist. Die Menschen sind auf externe Hilfe angewiesen", sagt er.
Einer Studie im Rahmen des Zweiten Pflegestärkungsgesetzes zufolge bleiben aktuell bundesweit vier von fünf Stellen für Pflegefachkräfte unbesetzt.
Laut Liga fehlen inzwischen aber nicht mehr nur Fachkräfte, sondern auch schon Hilfskräfte in der Altenpflege.
Gleiches schildern die Thüringer Mitglieder im Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V.. Der Bundesverband hatte im vergangenen Jahr zusammen mit dem Verein "Wir pflegen" eine Umfrage unter dem Motto "Bei Anruf sorry" gestartet. Hier meldeten die Pflegeanbieter durchschnittlich drei Absagen an Familien pro Tag.
Pflege neu denken
Die Heime versuchen seit vielen Jahren auch mit dem Einsatz ausländischer Pflegefachkräfte nachzusteuern. Doch das funktioniert nur bedingt. "Viele der jungen Menschen brachen die Ausbildung ab, kehrten in ihr Heimatland zurück oder sie wechselten aus dem ländlichen Raum in die Großstädte", schildert Gundekar Fürsich von der Caritas seine Erfahrungen.
Menschen müssen vielleicht, wenn sie pflegebedürftig werden, in Zukunft auch umziehen.
Experten wie er gehen deshalb davon aus, dass das Thema Pflege ganz neu gedacht werden muss. Mit innovativeren und flexibleren Lösungen, damit das vorhandene Personal ausreicht. Das bedeute auch Veränderungen für die Pflegebedürftigen: "Man baut natürlich nur Pflegeheime, wo man auch hofft, Mitarbeitende zu finden. Und das ist einfach im urbanen Umfeld. Und dadurch ist inzwischen auch in Thüringen ein Stadt-Land-Gefälle zu verzeichnen. Und Menschen müssen vielleicht, wenn sie pflegebedürftig werden, in Zukunft auch umziehen."
Inzwischen schlägt der Mangel an Pflegeheimplätzen auf die Krankenhäuser zurück: Werden ältere Menschen nach einer Operation pflegebedürftig und findet sich für sie kein Heimplatz, steigen die Kosten für den Krankenhausaufenthalt. Eine Studie des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung gibt die Mehrausgaben pro Patient mit durchschnittlich 400 Euro an.
Erfurter Pflegeheim: sechs Fachkräfte fehlen
Melden sich bei Sabina Blask in Erfurt Angehörige mit der Bitte, ihre Senioren aus dem Krankenhaus zu übernehmen, versucht sie, sie wenigstens weiter zu vermitteln oder ihnen Lösungen wie Kurzzeit- oder Tagespflege anzubieten. Doch die Personaldecke, sagt Sabine Blask, werde ja nicht dicker. Allein hier in ihrem Heim in Erfurt fehlen sechs Fachkräfte.
Zusätzlich mindestens fünf Fach- und acht Hilfskräfte bräuchte die Hildburghäuser Heimleiterin Nadine Kuhles um ihren geschlossenen Wohnbereich wieder für Pflegebedürftige öffnen zu können.
Die zu bekommen, sei illusorisch. "Wir wollen die Menschen in der Region aber nicht allein lassen und arbeiten deshalb an einem neuen Quartiers-Konzept, wo wir zwar keine vollstationären Leistungen aber vielleicht ja wenigstens mehr Teilzeitpflege oder betreutes Wohnen anbieten wollen."
Wir haben zurzeit 40 Auszubildende in der Pflege. Das ist die höchste Zahl, die wir je hatten.
Immerhin: mehr Auszubildende in der Pflege
Immerhin gibt es einen kleinen Lichtblick. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in der Pflege im vergangenen Jahr um 5.100 auf rund 59.500 Neuverträge gestiegen - ganze neun Prozent.
Das spürt auch die Caritas-Trägergesellschaft St. Elisabeth. "Wir haben zurzeit 40 Auszubildende in der Pflege. Das ist die höchste Zahl, die wir je hatten. Also das zeigt auch, dass junge Menschen wieder Interesse am Pflegeberuf haben, weil sich die Entlohnung deutlich gebessert hat", sagt Gundekar Fürsich.
MDR (sar)
Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 05. April 2025 | 19:00 Uhr
Not Found
The requested URL /api/v1/talk/includes/html/66c0fc40-e537-4f45-a749-bf137e575794 was not found on this server.