Erfurt Kastrationsprozess neu gestartet - Ermittler sprechen von außergewöhnlichem Verfahren
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20. Juni 2024, 20:03 Uhr
Im sogenannten Kastrationsprozess hat der Angeklagte am Donnerstag geschwiegen. Er soll in seinem Wohnzimmer mehrere Männer auf deren Wunsch hin kastriert haben. Bei einer Verurteilung droht ihm eine Haftstrafe von mindestens drei Jahren.
Die Ermittlungen begannen im bayrischen Marktschwaben. Ein Mann aus Celle wurde vermisst - die Familie vermutete ihn in Bayern bei einem Bekannten. Der habe der Polizei gesagt, der Vermisste sei nicht bei ihm, die Geschichte sei aber so abenteuerlich gewesen, dass man mit einem Durchsuchungsbeschluss wiederkam - und den Vermissten halbverwest in einer Schachtel in der Wohnung fand. Der Wohnungsinhaber kam in Untersuchungshaft, der Tote wurde obduziert. Vor seinem Tod war an seinen Geschlechtsteilen herumgeschnitten worden - dass er daran starb, ließ sich nicht feststellen.
"Für uns öffnete sich eine Tür in eine andere Welt", so beschrieb es ein bayrischer Ermittler am Donnerstag im Saal 0.02 des Erfurter Landgerichts. Bei der Durchsuchung fanden die Beamten auch OP-Bestecke und viele Datenträger. Deren Auswertung ergab, dass der bayrische Elektriker auf seinem Küchentisch Männern Geschlechtsteile amputierte. Und sie führten zu einem 75-jährigen Thüringer, der ebenfalls Penisse und Hoden amputierte. Auf der Couch im Wohnzimmer seiner Sömmerdaer Wohnung.
Achtfache schwere Körperverletzung
Der bayrische Fall endete mit einer mehrjährigen Haftstrafe. Der Thüringer Fall wird jetzt verhandelt. Achtfache schwere Körperverletzung wirft die Staatsanwaltschaft dem Mann aus Sömmerda vor. Während der Anklageverlesung wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Damit die Namen der Klienten, Betroffenen, Geschädigten - wie sie abwechselnd genannt werden - nicht öffentlich werden.
Die Anbieter der Amputationen und die Klienten fanden im Internet zueinander. Die Männer wollten die Eingriffe aus unterschiedlichen Gründen: Sex, Lust, Fremdeln mit dem eigenen Körper. Einmal sei auch die Ehefrau eines Klienten dabei gewesen, sagt der bayrische Ermittler, sie und ihr Mann, wollten eine Peniskürzung mit der Kneifzange. Der Mann habe ein sexuelles Suchtproblem, so die Begründung.
Ein anderer Mann sei kurzfristig abgesprungen, als er mitbekam, dass das "OP-Besteck" im Backofen sterilisiert wurde.
Außergewöhnliche Sexualpraktiken
Der Polizeibeamte aus Erding beschreibt höchst außergewöhnliche Sexualpraktiken, auf die er und seine Kollegen stießen - und er berichtet von äußerst aufwendigen Ermittlungen. Tausende von Chats und Fotos mussten ausgewertet werden. Als klar wurde, dass es in Thüringen einen "Berufskollegen" des Elektrikers aus Marktschwaben gab, wurde dieses Verfahren nach Erfurt abgegeben.
Die Polizei konnte den Mann ausfindig machen, weil er in einem speziellen Forum eine Telefonnummer hinterlegt und ein Foto von sich hochgeladen hatte. Bei der Durchsuchung in Sömmerda, wurden blutige Scheren, Chloroform und andere medizinische Geräte gefunden. Auch diese Wohnung war dem Thüringer Ermittlungsführer zufolge schmutzig.
Auch hier wurde eine Unmenge an Datenträgern gefunden, die ausgewertet werden mussten. Von den Eingriffen gibt es Fotos, die mit Chatverläufen abgeglichen wurden - und so zu den Klienten führten. "Die wollten das doch", habe der Angeklagte bei der Durchsuchung zu ihm gesagt, so der Zeuge.
Vor Gericht nun schweigt der 75-Jährige
Er hat keine medizinische Ausbildung, für die Eingriffe gab es keine medizinische Indikation. Und: sie sind irreversibel, die Männer verloren ihre Zeugungsfähigkeit. Deshalb ist schwere Körperverletzung angeklagt, die wird härter bestraft als eine einfache Körperverletzung. Auch für den Thüringer Angeklagten geht es im Falle einer Verurteilung um eine Haftstrafe. Aber zuvor müssen noch viel Zeugen gehört werden.
MDR (jn)
Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 20. Juni 2024 | 17:30 Uhr