
Reaktionen auf Kultusvorschläge Aktionismus, "Schlag ins Gesicht": Lehrer und Eltern kritisieren Pläne gegen Stundenausfall
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12. März 2025, 15:13 Uhr
Sachsen fehlen 1.400 Lehrerinnen und Lehrer an öffentlichen Schulen. Weil die Lücken personell nicht so schnell zu schließen sind, soll nun das Arbeitsvermögen der Lehrer, die da sind, effizienter genutzt werden. Dafür hat das Kultusministerium Vorschläge gemacht. Es soll weniger Abordnungen in die Schulverwaltungen geben, weniger Klausuren, weniger Abminderungsstunden, aber auch Änderungen für ältere Lehrer. Vor allem sie sollen mehr und länger unterrichten. Betroffene reagieren empört.
- Lehrer und Schulleiter kritisieren Vorschläge, die zu Lasten älterer Kollegen gehen.
- Verbände und GEW sprechen empört von "schwerem Angriff".
- Arbeitgeberpräsident sieht auch Familien in der Pflicht und verlangt Bürokratieabbau für Schulen.
Sachsens Kultusministerium will den Unterrichtsausfall halbieren und mehr Lehrer in den Klassen unterrichten lassen. Dafür hat das Kultus 21 Schritte vorgeschlagen, die ab nächstem Schuljahr gelten könnten. Beschlossen werden sollen sie Ende Mai.
Vorgesehen ist unter anderem mehr Unterricht in digitalen Formaten und mehr fächerübergreifender Unterricht. Um den Korrekturaufwand zu verringern, soll es weniger Klausuren und Klassenarbeiten geben. Der Unterricht in Klassen für Kinder aus Migrantenfamilien soll gestrafft werden. Oberschulen im Freistaat sollen personell verstärkt werden, indem deutlich mehr Grundschul- und Gymnasiallehrer an Oberschulen abgeordnet werden.
Alles reduzieren, was nicht unmittelbar dem Unterricht dient
Um größere fachliche Kapazitäten für den Unterricht zu haben, sollen die Altersermäßigungen für Lehrerinnen und Lehrer erst im 63. Lebensjahr greifen. Bisher war es möglich, ab einem Alter von 58 Jahren schrittweise weniger Stunden zu unterrichten. Alle Tätigkeiten, die nicht unmittelbar dem Unterricht dienen, werden laut den Vorschlägen reduziert oder gestrichen. Das betrifft auch die Arbeit der Fachberater, die künftig auf vier Wochenunterrichtsstunden begrenzt wird - statt bislang sechs.
So wie es jetzt ist, darf es nicht weitergehen.
Lehrer: Pläne für Kollegen über 50 Jahren "hart"
"Die Vorschläge des Ministeriums treffen verantwortungsvolle, engagierte Lehrkräfte am Gymnasium hart. Sie unterrichten meist im Kurssystem, sind häufig über 50 Jahre alt und teilweise auch in der Lehramtsausbildung oder als Fachberater tätig", schreibt Gymnasiallehrer Andreas Roschlau MDR SACHSEN aus Markranstädt.
Ines Hermann aus Dresden wird deutlicher: "Bei allem Verständnis für die schwierige Situation kann es nicht sein, dass gerade die älteren Lehrer (ab 58) wieder benachteiligt werden und es eine Abminderungsstunde erst ab 63 Jahren geben soll."
Ich sehe kritisch, dass die Einsparpotenziale gesehen werden auf dem Rücken der älteren Kolleginnen und Kollegen, die seit vielen Jahrzehnten tätig sind und ihr Bestes geben. Auf dem Rücken derer die Anrechnungsstunden zu kürzen, finde ich schwierig.
Lehrerverband: "Drastische Einschnitte auf Rücken der Lehrkräfte"
Zu den 21 Vorschlägen hat der <landesvorsitzende des Lehrerverbandes, Michael Jung, eine klare Meinung: "Erneut werden die Stellschrauben angezogen, ohne die eigentlichen Probleme zu lösen. Jahrzehntelange Versäumnisse und das kurzfristige Denken in Legislaturperioden führen jetzt wieder zu drastischen Einschnitten für das schulische Personal." Statt zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln, würden die Lasten einmal mehr auf dem Rücken der Lehrkräfte abgeladen.
Den bestehenden Lehrern noch mehr aufzuhalsen, ist nicht der richtige Weg. Die Lehrer gehen jetzt schon am Stock und fallen ständig wegen Überlastung aus.
Das sieht die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) auch so. GEW-Chef Burkhard Naumann spricht von einem "schweren Angriff" auf die Lehrkräfte. "An vielen Stellen trifft es ausgerechnet die älteren Kolleginnen und Kollegen, die seit vielen Jahren die politischen Fehler des CDU-geführten Kultusministeriums ausbaden müssen."
Lehrer: Vorschläge sind "Schlag ins Gesicht"
Martin Jahn aus Johnsdorf findet den Wegfall der Altersabminderungsstunden "hart". Er sieht darin ein Zeichen "der mangelnden Anerkennung der jahrelangen Berufspraxis", was "einzelne sehr persönlich trifft. Zusätzlich fehlt dann im Kollegium die Expertise und der Weitblick dieser erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, da sie nur damit beschäftigt sind durchzuhalten. Leider ein fatales Signal für alle, die in dem Beruf alt werden wollen."
Die Maßnahmen, die Clemens nun vorschlägt, sind ein verbaler Schlag ins Gesicht der Lehrer:innen in Sachsen, die ohnehin schon ihr Möglichstes tun, um die Schulen vor einem Kollaps zu bewahren.
"Ich stimme zu, dass es in den Ämtern Lehrer gibt, die besser in der Schule sein könnten. Aber sind es dann wirklich gute Lehrer?", fragt sich eine Lehrerin aus Mittelsachsen. Und: "Wer will bitte noch Fachberater werden, wenn es noch weniger Stunden dafür gibt. Hier wird an der falschen Stelle gespart!"
Mutter nennt Vorschläge "Aktionismus"
Für eine Mutter zweier Teenager aus dem Raum Leipzig werden die "beschriebenen Maßnahmen auch nicht ändern, dass wir als Eltern die Lehrpläne prüfen, Dinge nachholen, die nicht oder nicht hinreichend vermittelt wurden. Wir zahlen extra privat für Unterricht, der hätte gehalten werden müssen. Wir holen immer noch Stoff aus Corona auf", kritisiert sie. In ihrer Mail an MDR SACHSEN nennt sie die Vorschläge "Aktionismus". Und sie ärgert sich, dass sich die Stundenpläne täglich ändern würden. "Das macht die Kinder, Eltern und auch die Lehrer kaputt. Wie soll da guter Unterricht stattfinden?"
Über ein, zwei Punkte könnten wir ernsthaft diskutieren, der Rest ist einfach lächerlich und sorgt dafür, dass Qualität und Quantität von Bildung weiter den Bach herunter gehen. Wenn ich nicht bereit bin, in die Zukunft zu investieren, habe ich als Kultusministerium meinen Job nicht verstanden.
"Um den Korrekturaufwand und den Leistungsdruck zu senken, sollten nicht die Klausuren gestrichen werden, sondern mal grundsätzlich über den Lehrplan geschaut werden, ob das alles noch sinnvoll ist", findet Cindy Rasokat aus Dresden. Und weiter: "Wenn die Angst so groß ist, dass die Lehrer Sachsen verlassen, sollte sich das Land mal stark dafür machen, dass Schulbildung Bundessache wird und nicht jedes Bundesland vor sich hinkleckert."
Arbeitgeberchef sieht auch Elternhäuser in der Pflicht
Der sächsische Arbeitgeberpräsident Jörg Brückner findet, es müsse "oberstes politisches Ziel sein, Lehrer vor die Schulklassen zu bringen". Vorfahrt für Lehrer heißt für ihn, dass auch "ein Heer von Sozialpädagogen oder multiprofessionellen Teams gut ausgebildete Lehrkräfte nicht ersetzen" könne.
Die Bedingungen seien so anzupassen, "dass das Arbeitsvermögen der Lehrer stärker als bisher in die Unterrichtsversorgung fließt", so Brückner. Abordnungen in die Schulverwaltung und schulbezogene Anrechnungsstunden sollten schulartübergreifend verringert und dafür Anreize geschaffe werden, "damit mehr Lehrkräfte in Vollzeit arbeiten oder ihre Arbeitszeit ausweiten".
Lehrern und Schulleitern gebührt mehr Achtung – ihr Status als Respektspersonen darf nicht weiter erodieren. Zudem muss der bürokratische Ballast weg, der Schulen zunehmend zu Verwaltungsbehörden macht.
Gleichzeitig sollten Schulen nicht "als gesellschaftlicher Reparaturbetrieb all das heilen" müssen, "was in manchen Elternhäusern unterbleibt." Stattdessen muss laut Brückner die Eigenverantwortung der Familien gestärkt und Lehrern und Schulleitern mit mehr Achtung begegnet werden.
Politische Reaktionen auf die Vorschläge
Aus Sicht der Linken im Landtag schlägt das Kultusministerium viele richtige Schritte vor. Bei anderen gebe es aber Diskussionsbedarf, sagt die Linken-Abgeordnete Luise Neuhaus-Wartenberg. Es sei unverständlich, dass die Staatsregierung die Integration von Kindern mit Migrationsgeschichte erschweren wolle.
Die Grünen sehen Licht und Schatten. "Die Lehrkräfte sollen weiterhin die verfehlte Bildungspolitik der CDU ausbaden. Die Devise sollte aber sein: Mehr Unterstützung statt mehr Druck", betont Bildungspolitikerin Christin Melcher (Grüne). Die SPD-Fraktion kündigt eine Prüfung der Vorschläge an.
Die CDU ist in Sachsen seit der Wiedervereinigung in Regierungsverantwortung und hat die Misere sehenden Auges herbeigeführt. Sparmaßnahmen im Kultusbereich waren wichtiger als die Zukunft unserer Kinder und damit unseres Landes.
MDR (kk)/dpa/epd
Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten | 12. März 2025 | 06:00 Uhr
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