Verlegtes Glasfaserkabel mit diversen Anschlüssen ragt auf einer Baustelle 3 min
Vier von zehn Haushalten in Sachsen-Anhalt sind mit Glasfaseranschluss versorgt. Mehr dazu im Audio. (Symbolbild) Bildrechte: picture alliance / SULUPRESS.DE | Torsten Sukrow
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Langsames Internet, schneller Ausbau So läuft der Ausbau von Glasfaser in Sachsen-Anhalt

04. April 2025, 18:17 Uhr

Deutschlandweites Glasfaserinternet bis 2030: Dieses Ziel verkündete die Ampel-Regierung im Juli 2022. Noch hinkt Sachsen-Anhalt beim Highspeed-Internet hinterher. Genau das könnte jedoch ein Vorteil beim Glasfaserausbau sein. Eine Auswertung zeigt, wie schnell das Internet in jeder Gemeinde ist.

Volontär Tycho Schildbach
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Laut der 2022 veröffentlichten Gigabit-Strategie der Bundesregierung soll Deutschland bis 2030 flächendeckend mit Glasfaseranschlüssen versorgt sein. MDR Data hat den aktuellen Stand des Mega-Projekts ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass Glasfaseranschlüsse in Sachsen-Anhalt verbreiteter sind als im Bundesdurchschnitt. Dennoch belegt Sachsen-Anhalt bei der Verfügbarkeit von Highspeed-Internet den vorletzten Platz, weil andernorts auch andere Technologien als Glasfaser hohe Übertragungsraten ermöglichen. Paradoxerweise könnte dieser Geschwindigkeitsrückstand in Sachsen-Anhalt beim Glasfaserausbau sogar von Vorteil sein.

Glasfaser ermöglicht schnellere Upload- und Download-Geschwindigkeiten und eine stabilere Internetverbindung als Telefon- oder Fernsehkabel. Laut der Gigabit-Strategie sollen Glasfaseranschlüsse bis in die Wohnungen reichen. Der Begriff „Breitband“ beschreibt nicht zwangsläufig Glasfaser, sondern steht allgemein für hohe Übertragungsraten.

Fortschritte beim Ausbau von Glasfaser in Sachsen-Anhalt

Die aktuellsten Daten zum Glasfaserausbau im Breitbandatlas der Bundesnetzagentur stammen aus dem Juni 2024. Demnach sind 36 Prozent der Haushalte in Deutschland mit Glasfaseranschlüssen versorgt – etwa doppelt so viele wie zu Beginn der Gigabit-Strategie im Juli 2022. Sachsen-Anhalt liegt mit einer Abdeckung von 40 Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt. Bis zum Ziel von 100 Prozent Glasfaserabdeckung in Deutschland liegt noch ein weiter Weg. Kann das bis 2030 noch erreicht werden? Die Meinungen gehen auseinander.

Jens Tiemann forscht am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (Fokus) zu technischen Grundlagen der Digitalisierung. Er blickt optimistisch auf die Umsetzung der Gigabit-Strategie. Allerdings müsse man den Zielwert besser kommunizieren, denn eine 100-prozentige Glasfaserabdeckung sei illusorisch. Realistisch seien 90 bis 95 Prozent. "Es ist extrem aufwändig, auch noch die letzten Haushalte mit Glasfaser zu versorgen. Und es macht auch wirtschaftlich keinen Sinn, denn dann könnte man zum Beispiel auch gleich auf Funktechniken setzen", sagt Tiemann.

Beim Bundesverband Breitbandkommunikation (Breko), einer Interessensvertretung für den Glasfaserausbau, schaut man völlig anders auf den Fortschritt der Gigabit-Strategie. "Wir müssen ganz deutlich sagen, das Glasfaserausbauziel 2030 ist nicht mehr erreichbar", sagt Oliver Ulke, Experte für Landes- und Kommunalpolitik beim Breko.

Dennoch lobt Ulke die Entwicklung in Sachsen-Anhalt. "Das ist im nationalen Vergleich wirklich gut, gerade wenn wir in den Süden schauen. Bayern oder Baden-Württemberg hinken da sehr weit hinterher. Da hat sich wirklich viel getan." In Bayern sind nur 31 Prozent der Haushalte an Glasfaser angeschlossen. In Baden-Württemberg ist der Anteil mit 23 Prozent der Haushalte nur etwa halb so groß wie in Sachsen-Anhalt (40 Prozent).

Ost-West-Gefälle bei der Internet-Geschwindigkeit

Bei der tatsächlichen Übertragungsgeschwindigkeit des Internets hinkt Sachsen-Anhalt jedoch weit hinterher. Nur sechs von zehn Haushalten können Internet mit Gigabit-Geschwindigkeit (1.000Mbit/s) nutzen. Das Ost-West-Gefälle kommt dadurch zustande, dass in den alten Bundesländern häufig andere Technologien als Glasfaser hohe Übertragungsgeschwindigkeiten ermöglichen.

Oliver Ulke verweist auf die HFC-Netze: "Die hatte man historisch bedingt in Ostdeutschland eher nicht so." Die HFC-Technologie kombiniert TV-Kabel mit Glasfaser, wobei die Glasfaserverbindung nur bis zu einem Verteilpunkt in Wohngebieten reicht und nicht bis zum Haus verlegt wird. Auch beim DSL-Netz gibt es Unterschiede zwischen neuen und alten Bundesländern, sagt Jens Tiemann vom Fraunhofer Fokus. "In Westdeutschland kann man über diese sehr guten Kabel, die von der Bundespost verlegt wurden, mit DSL sehr hohe Datenraten erreichen." Beim DSL-Internet werden Telefonleitungen aus Kupfer auch für die Internetübertragung genutzt.

In den neuen Bundesländern gibt es aus historischen Gründen weniger Gigabit-Internet. 62 Prozent der Haushalte im Osten sind an Highspeed-Internet mit 1.000 Mbit/s angeschlossen. Im Westen liegt der Vergleichswert bei 78 Prozent. Bei dieser Berechnung wurde das ehemals geteilte Berlin nicht berücksichtigt.

Langsames Internet könnte sich zum Vorteil umkehren

Paradoxerweise könnte der Mangel an schnellem Internet den Glasfaserausbau beschleunigen. "Je besser eine Vorgängerinfrastruktur war, desto weiter kann sie auch noch preiswert ausgereizt werden. Das Teure ist, die Infrastruktur neu aufzubauen", sagt Jens Tiemann.

Das Beispiel Baden-Württemberg veranschaulicht, was das konkret bedeutet. Dort sind drei von vier Haushalten bereits an Gigabit-Internet angeschlossen. Vier von fünf Haushalten haben Zugang zu 200Mbit/s. Für die allermeisten Privathaushalte reicht diese Geschwindigkeit vollkommen aus. Insofern ist der Anreiz gering, viel Geld in den Ausbau eines Glasfasernetzes zu investieren.

In Sachsen-Anhalt stellt sich die Lage anders dar. "Weil in Ostdeutschland die Kupfernetze wirklich schlecht waren, ist es jetzt umso besser für den Glasfaserausbau. Die Menschen sind leidgeprägt und brauchen diesen neuen Anschluss", sagt Breko-Experte Ulke.

Zwei Erkenntnisse in Sachsen-Anhalt

Auch innerhalb Sachsen-Anhalts variieren die Internetgeschwindigkeiten erheblich. Dabei fallen zwei Trends auf. Erstens können Menschen in den urbanen Zentren Magdeburg, Halle und Dessau-Roßlau wesentlich schneller Daten herunterladen als die Bevölkerung in den umliegenden Kreisen.

Zweitens zeigt sich ein messbares Nord-Süd-Gefälle. Im Altmarkkreis Salzwedel haben 80 Prozent der Haushalte Zugang zu Gigabit-Internet. Auch im Landkreis Stendal und in der Börde liegen die Werte vergleichbar hoch. In den südlichen Kreisen ist die Verfügbarkeit deutlich niedriger, wobei Mansfeld-Südharz mit einer Anschlussquote von lediglich 27 Prozent am Ende der Liste steht.

Auch beim Glasfaserausbau offenbart sich dieses Nord-Süd-Gefälle. Im Altmarkkreis Salzwedel sind fast vier von fünf Haushalten ans Glasfasernetz angeschlossen, während im südlichen Burgenlandkreis nur etwas mehr als einer von zehn Haushalten Zugang hat. "Im Altmarkkreis ist man relativ frühzeitig schon mit dem geförderten Ausbau gestartet und ist dadurch jetzt natürlich relativ weit", sagt Oliver Ulke. Gerade in ländlichen Regionen sei die frühzeitige Beantragung entscheidend. "Der geförderte Ausbau dauert immer noch mal ein ganzes Stück länger als der eigenwirtschaftliche Ausbau. Aber im ländlichen, schwer erschließbaren Raum ist an der einen oder anderen Stelle einfach der geförderte Ausbau notwendig."

Die Gründe für den rückständigen Glasfaserausbau im Burgenlandkreis liegen vermutlich erneut im fehlenden Leidensdruck. Auf Nachfrage von MDR Data erklärt das Ministerium für Infrastruktur und Soziales, dass der Burgenlandkreis einen hohen Anteil an schnellen DSL-Leitungen (VDSL) aufweist. Tatsächlich zeigt auch der Vergleich der Kreise, dass der Burgenlandkreis bei Geschwindigkeiten von bis zu 200Mbit/s besser aufgestellt ist als die umliegenden Kreise.

Die Vorreiterrolle von Sachsen-Anhalts Norden könnte auch durch die Nähe zu Niedersachsen begünstigt sein. "Man sieht, dass von Niedersachsen aus schon ein Glasfasernetz bestand. Wenn man wiederum Richtung Süden schaut, Richtung Thüringen, ist es dort für die Netzbetreiber natürlich schwerer, wenn sie kein zusammenhängendes Netz haben", sagt Oliver Ulke. Es sei immer leichter, ein Glasfasernetz auszubauen, als ein Glasfaserprojekt von Grund auf zu starten.

Raguhn-Jeßnitz fällt ab – alte DSL-Leitungen der Telekom

Auf Gemeindeebene fällt Raguhn-Jeßnitz in Anhalt-Bitterfeld bei der Internetanbindung deutlich ab. Die Stadt versorgt laut dem Breitbandatlas nur 42 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner mit einer Internetgeschwindigkeit von mindestens 50Mbit/s. Keine andere Gemeinde in Sachsen-Anhalt hat vergleichbar schlechte Werte. Auf Anfrage von MDR Data nennt Bürgermeister Hannes Loth (AfD) die Besitzverhältnisse an den Leitungen als einen Grund für die mangelhafte Anbindung: "In manchen Wohngebieten hat die Telekom die Leitungen besessen und es konnte nicht weiter ausgebaut werden, sodass dort noch die alten DSL-Leitungen liegen."

Bisher kam der Glasfaserausbau in Raguhn-Jeßnitz kaum voran. Laut den neuesten Daten vom Juni 2024 sind nur 14 Prozent der Haushalte an das Glasfasernetz angeschlossen. Angesichts immer weiterer Hightech-Lösungen und KI-Systeme behindert das vor allem ansässige Unternehmen und Dienstleister. So zum Beispiel den örtlichen Zahnarzt Stefan Krause, der auch für die Wählergemeinschaft Pro8 im Stadtrat sitzt.

Verlegtes Glasfaserkabel mit diversen Anschlüssen ragt auf einer Baustelle 1 min
Vier von zehn Haushalten in Sachsen-Anhalt sind mit Glasfaseranschluss versorgt. Im Audio: So steht es um die Versorgung im Raum Dessau. (Symbolbild) Bildrechte: picture alliance / SULUPRESS.DE | Torsten Sukrow
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Datenstau beim Zahnarzt

In seiner Praxis ist die Digitalisierung auch auf dem Behandlungsstuhl längst angekommen. Gebiss-Abdrücke macht Krause nicht mehr mit "Abform-Masse", sondern mit einem digitalen Scanner. Die 3D-Modelle schickt er per Datenleitung ins Labor – wo damit Kronen und Brücken angefertigt werden. Das dauert allerdings, denn die Dateigrößen seien enorm. "Wir merken bei detaillierteren Modellen, dass das Gerät eine Weile braucht", erklärt Krause. Aktuell könne er nur eine bestimmte Anzahl von Scans am Tag machen, sonst gebe es Datenstau.

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In Zukunft braucht der Zahnarzt mehr Bandbreite. "Wir werden nicht mehr alles im Gerät speichern können, das heißt, wir müssen auf Cloud-Lösungen setzen." Spätestens dann seien die Grenzen bisheriger Internetgeschwindigkeiten vollends ausgereizt.

Loth: "50 Mbit natürlich zu wenig"

Warum Raguhn-Jeßnitz derart abgehängt ist beim Internet, darauf antwortet Bürgermeister Loth, der seit 2023 im Amt ist, ausweichend. Ab 2016 habe die Wittenberg-Net GmbH über ein Förderprogramm von Bund und Land ein Hybridnetz aufgebaut – mit Glasfaser bis zum Verteilerkasten und von dort Kupferleitungen in die Häuser. 50 Mbit/s seien damit bis auf wenige Ausnahmen überall garantiert. Dass das natürlich zu wenig sei, bestätigt auch Hannes Loth.

Porträt Hannes Loth
Hannes Loth (AfD) ist Bürgermeister von Raguhn-Jeßnitz. Bildrechte: MDR/Engin Haupt

Mit der Firma "Unsere Grüne Glasfaser" (UGG) stehe auch schon ein Anbieter bereit, der eigenwirtschaftlich Glasfaser in fast alle Häuser der Stadt bringen soll. Hier hake es derzeit jedoch, da Landesstraßenbaubehörde (LSBB) und Denkmalschutz noch nicht alle Genehmigungen erteilt hätten. Konkret gehe es um Schachtungen für die Überlandleitungen entlang zweier Landesstraßen. "Da liegen auch schon Leitungen drin und ich kann überhaupt nicht verstehen, warum sich das verzögert", so Loth. Auf Seiten der Gemeinde sei dagegen vieles schon vorbereitet.

Von Verzögerungen weiß man bei der LSBB dagegen nichts. Acht von neun Anträgen seien bereits beantwortet, der letzte werde in der kommenden Woche bearbeitet. Die Vorgabe von drei Monaten Bearbeitungsfrist sei jederzeit eingehalten und nicht ausgeschöpft worden. Größere Einwände habe es nicht gegeben.

Die Kommunen setzen die Gigabit-Strategie um

Die Gigabit-Strategie wurde 2022 vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr vorgestellt. Zwischen April 2021 und Dezember 2024 flossen 8,4 Milliarden Euro vom Bund an die Kommunen, die Gelder über das Förderprogramm "Gigabit-Richtlinie" bzw. die Nachfolgerin "Gigabit-Richtlinie 2.0" beantragt haben. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Union hervor. Eine zentrale Steuerung aus Berlin existiert dabei nicht.

Bürokratischer Genehmigungswahn

"Die meisten Kontaktpunkte zwischen Netzbetreibern und Politik gibt es auf kommunaler Ebene", sagt auch Oliver Ulke vom Breko. "Das ist ein projektbezogenes Geschäft und wir reden von durchschnittlich sieben Genehmigungsverfahren, die ein Unternehmen braucht, um mit dem Ausbau beginnen zu können." Der Breko wünscht sich weniger Bürokratie. "Solange die Bundesregierung nicht daran arbeitet, diesen bürokratischen Genehmigungswahn umzukehren, solange sind die Kommunen angehalten, diese ewig dauernden Genehmigungsverfahren einfach durchzuführen. Die machen das ja nicht aus Spaß, sondern weil sie es müssen", sagt Ulke. Die konkrete Umsetzung der Gigabit-Strategie hängt daher maßgeblich von Unternehmen, Stadtwerken und Verwaltungen auf kommunaler Ebene ab.

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MDR (Daniel Salpius, Tycho Schildbach)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04. April 2025 | 12:00 Uhr

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