Mo 28.04. 2025 20:00Uhr 60:00 min

Eine Hand hält ein aufgeschlagenes Buch
Eine Hand hält ein aufgeschlagenes Buch Bildrechte: Colourbox.de
MDR KULTUR - Das Radio Mo, 28.04.2025 20:00 21:00
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Radiodramen, Hörstücke, Funkerzählungen /80 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges Der Gebrauch des Menschen (Teil 1)

Der Gebrauch des Menschen (Teil 1)

Von Aleksandar Tišma

  • Stereo
Was hilft es zu überleben, wenn man nicht vergessen kann? Alles scheint im Leben der Halbjüdin Vera Kroner auf diese Frage hinauszulaufen. Ende der 1930er Jahre ist sie ein junges Mädchen in Novi Sad. In der größten Stadt der Bačka, der Tiefebene zwischen Serbien und Ungarn, gelegen an einem Donauknie, tönt bereits der Vorkrieg. Serben, Ungarn und Deutsche machen sich die Lufthoheit streitig. Dazwischen, schon in der Defensive, viele Menschen jüdischen Glaubens. Noch gelingt auch Vera eine scheinbar normale Jugend; geprägt vom spröden Reiz der Tanzstunden, von Küssen in Toreinfahrten und der Verunsicherung ob des sich scheinbar stündlich wandelnden Körpers.

Als die deutsche Wehrmacht Jugoslawien 1941 besetzt und Ungarn die Bačka annektiert, beginnen auch für sie Jahre der Isolation. Das Handelsgeschäft des jüdischen Vaters wird einem Kommissar unterstellt, aber noch immer gibt es eine Hausangestellte, die den Kindern das Frühstück bringt. Veras Welt, die schon seit der Kindheit zwischen dem jüdischen Vater und der Mutter, einer Donauschwäbin, von sich widersprechenden Wünschen, Sprachen und Überlieferungen geprägt ist, zerfällt endgültig. Was bleibt ist das Warten auf eine Zukunft, die kaum anderes als den Untergang bereithalten kann. Im Mai 1944 ist es so weit: Deutschland besetzt das abtrünnige Ungarn und die Deportationen beginnen. Veras Familie wird nach Auschwitz verschleppt. Sie selbst überlebt das Lager als Zwangsprostituierte.

Ein Jahr später, nach der Befreiung des Lagers, kommt sie nach Novi Sad zurück. Aber was hilft es, zu überleben, wenn man nicht vergessen kann? Während um sie die gierige Lebensfreude der Davongekommenen Raum greift - gepaart mit den Vorboten des titoschen Kommunismus und den immergleichen Zumutungen menschlichen Kleinmuts - driftet Vera ohne Anker durch ihr Leben. Ein wenig Halt findet sie allein bei ihrem Jugendfreund Sredoje, der - als ehemaliger Partisan und Erotomane - ähnlich entwurzelt durch die Nachkriegszeit streift. Als er sie einmal fragt, ob sie sich denn mit all dem Grauen habe abfinden können, erwidert sie: "Sicher habe ich mich abgefunden, ich bin ja am Leben".


Aleksandar Tišma wurde am 16.01.1924 in Novi Sad geboren. Die Elternkonstellation ähnelt der seines Romans: Der Vater war ein serbischer Kaufmann christlichen Glaubens, die Mutter Jüdin. Darüber hinaus existiert eine Reihe weiterer Parallelen zu Handlungselementen des Romans, so lernte auch Tišma, wie die Hauptfiguren seines Romans, Deutsch bei einer Privatlehrerin. Dass sich an das Abitur anschließende Studium konnte Tišma wegen des Krieges nicht beenden, er schloss es 1954 in Belgrad mit einem Diplom in Anglistik ab.

Danach arbeitete er als Lektor und Redakteur; seine Bücher erschienen ab den 1970er Jahren in Serbien und in deutscher Übersetzung ab 1991, die - in den herausragenden Übersetzungen Barbara Antkowiaks - schnell eine breite Leserschaft gewannen. Besondere Resonanz erzielten neben "Der Gebrauch des Menschen" (1991), "Kapo" (1997) und "Treue und Verrat" (1999). Sein Werk gilt heute als Teil der Weltliteratur; Tišma gelang es exemplarisch, die individuelle und intergenerationelle Last, die kriegerische Gewaltexzesse und die Shoa in den Menschen hinterließen, erfahrbar zu machen. Tišma starb am 16.02.2003 in Novi Sad.

(53 Min.)
Mitwirkende
Übersetzung: Barbara Antkowiak
Hörspielbearbeitung und Regie: Stefan Kanis
Komposition: Tommy Neuwirth und Mario Weise
Arrangement: Michael Hinze
Produktion: MDR/NDR 2025
Darsteller
Mitwirkende:
Jördis Trauer
Oscar Hoppe
Birte Schnöink
Werner Wölbern
Franz Hartwig
André Kaczmarcyk
Alexander Khuon
Max Hegewald