
"Die Hutterer – Alter Glaube, neue Welt" Ausstellung in Wittenberg zeigt Tradition und Alltag einer 500 Jahre alten Gemeinschaft
Hauptinhalt
04. April 2025, 04:00 Uhr
In Wittenberg ist ab Freitag eine Ausstellung über die Glaubensgemeinschaft der Hutterer zu sehen. Unter dem Titel "Die Hutterer – Alter Glaube, neue Welt" präsentiert die Sonderschau im Alten Rathaus besondere Foto-Aufnahmen des kanadischen Journalisten Tim Smith. Rund 45.000 Menschen leben in Nordamerika noch nach den Regeln der protestantisch-reformatorischen Täufer-Bewegung, die vor 500 Jahren ihren Anfang nahm und in Europa verfolgt wurde.
Sie leben nach Regeln der 500 Jahre alten Täufer-Bewegung, meist abgeschieden und von der Landwirtschaft, sie praktizieren Gütergemeinschaft und einen täglichen Gottesdienst, kleiden sich in Trachten und lernen Deutsch, obwohl sie vor mehr als 100 Jahren nach Nordamerika kamen: Unter dem Titel "Die Hutterer – Alter Glaube, neue Welt" sind im Alten Rathaus von Wittenberg ab Freitag besondere Fotografien des kanadischen Journalisten Tim Smith zu sehen.
Verfolgt in Europa, neue Heimat in USA und Kanada
Wie die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt mitteilte, wird die Sonderschau zum 500. Gründungsjubiläum der protestantisch-reformatorischen Täufer-Bewegung präsentiert. Mit der ersten Erwachsenentaufe 1525 in Zürich nahm sie ihren Anfang. Der Name geht zurück auf ihren Tiroler Anführer Jakob Huter (1500-1536), der auf dem Scheiterhaufen endete.
Dass die Anhänger in der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden daran festhielten, nur Erwachsene zu taufen, die sich bewusst für den Glauben entschieden und auch den Kriegsdienst verweigerten, führte maßgeblich zu ihrer Verfolgung und zur Flucht aus Europa.
FAQ Täufer-Bewegung: Gegen Klerus und Kriegsdienst
- Die Täufer waren Anhänger einer radikal-christlichen Bewegung in der Reformationszeit, parallel zu Martin Luther und Huldrych Zwingli.
- Ihre Kritik richtete sich u.a. gegen die Kindertaufe.
- In Zürich kam es Ende Januar 1525 zur ersten Glaubenstaufe von Erwachsenen.
- Sie traten für eine geschwisterliche Kirche ohne Hierarchie und Klerus ein und wurden von katholischer wie protestantischer Seite verfolgt.
- Aus der Täuferbewegung entstanden Gruppen wie die Hutterer und Mennoniten, die wegen ihres Einsatzes für Gewaltfreiheit zu den historischen Friedenskirchen gezählt werden.
- Erst im 20. und 21. Jahrhundert kam es zu Dialog und Versöhnung
- Die Migrationsgeschichte nahm einige Wendungen, zunächst siedelten die Hutterer im 16. Jahrhundert im toleranteren Mähren und in Niederösterreich. 1622 wurden sie des Landes verwiesen. Später lebte die Gemeinschaft u.a. in Ungarn und der Slowakei. 1874 begann die Auswanderung nach Nordamerika, vorrangig nach Kanada.
Quelle: Evangelische Kirche Mitteldeutschlands
Langzeit-Projekt über eine Gemeinschaft im Wandel
Nach einer zufälligen Begegnung mit Hutterern vor rund 15 Jahren besuchte Smith die heutige Community in der kanadischen Provinz Manitoba immer wieder, um zu dokumentieren, wie es ihr gelingt, ihre besondere Kultur, Religion und Gemeinschaft durch die bewusste Trennung von der Mehrheitsgesellschaft zu bewahren. Dabei sind die Hutterer keine komplett einheitliche Gemeinschaft, sondern entwickeln in ihren Kolonien mehr oder weniger konservative Regeln, etwa was die Nutzung von Smartphones und Social Media angeht.
Zu sehen ist die Ausstellung im Alten Rathaus bei freiem Eintritt bis zum 17. August 2025. In drei Kapiteln gibt sie laut Stiftung einen Einblick in das Leben der modernen Hutterer. Der tägliche Gottesdienst, der Deutschunterricht und die Arbeit in der Landwirtschaft seien ein Teil davon. Dass die in traditionelle Trachten gekleideten Gläubigen auch Smartphones nutzen, Quad fahren und sich beim Bowling oder auf dem Rummel vergnügen, zeige Smith in "einzigartigen Bildern" voller Kontraste, die von Tradition und Wandel erzählen.
Seine Arbeiten wurden bereits weltweit ausgestellt und sind Teil von Sammlungen wie dem Archive of Documentary Arts der Duke University in North Carolina, der Kunstsammlung der Provinz Manitoba sowie des Museums der Baptisten in Sobotišti in der Slowakei.
45.000 Menschen in rund 500 Gemeinden
Heute leben noch rund 45.000 Menschen in den etwa 500 Täufer-Gemeinden vor allem in Kanada und den USA. Außer den Hutterern gelten auch die Mennoniten und Amischen als praktizierende Täufer. Anders als die Amischen lehnen die Hutterer den Einsatz moderner Technik etwa bei der Arbeit in der Landwirtschaft nicht ab. Die Farmen der Hutterer zählen zu den größten und modernsten in Kanada, auch weil sie aufgrund der praktizierten Gütergemeinschaft quasi keine Lohnkosten haben.
Service-Informationen zur Ausstellung
"Die Hutterer – Alter Glaube, neue Welt
4. April bis 17. August 2025
Westhalle im KUNST.Wittenberg
Altes Rathaus
Markt 26
06886 Lutherstadt Wittenberg
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17:30 Uhr
Eintritt frei
Veranstaltung:
Blickwechsel – Fotograf Tim Smith im Gespräch mit Kuratorin Sophie Potente
5. April 2025 | 16 Uhr
Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Januar 2025 | 09:15 Uhr