Donnerstag, 23.01.2025: Der alte Tisch
Besitzen Sie einen alten Tisch? Ich frage deshalb, weil ich mir neulich meinen Tisch bewusst angeschaut habe. Manchmal erscheint einem ja das Selbstverständliche sehr außergewöhnlich.
Diesen Tisch kann man nach zwei Seiten hin ausziehen. Dann bietet er zwölf Leuten Platz. Er ist genauso stabil wie unhandlich. Kaum, dass man ihn rücken kann. Von meiner Großmutter einst geerbt, weiß ich, dass sie ihn als gebrauchten Speisetisch zur Hochzeit 1926 geschenkt bekam. Schließlich gelangte er an den Ort, an dem er heute steht.
Wie oft habe ich schon daran gesessen, nachgedacht, Papiere auf ihm ausgebreitet, Gespräche geführt. Auf seiner dicken Holzplatte geschrieben. Trauriges, Fröhliches. Mit Federhalter oder am Laptop.
Dieser Tisch. Seine Ecken sind abgestoßen. Scharten in den Tischbeinen. Die Maserung bricht an einigen Stellen. Er ist allein mit mir viermal umgezogen. Eine Menge hat er aushalten müssen.
Wissen Sie, ich habe Achtung vor solchen Gegenständen. Einst fertigte ihn ein Tischler aus Eichenholz. Gott hat die Bäume wachsen lassen. Und er gab dem Handwerker geschickte Hände sowie einen wachen Verstand, diesem Möbel eine ansehnliche Gestalt zu verleihen.
Alles brauchte seine Zeit. Das Holz musste eingeschlagen, gelagert und bearbeitet werden. Die Beize hatte zu trocknen. Der Tisch wurde nicht an einem Tage. Gott gewährte die Zeit. Wie viele Leute werden an ihm schon gesessen haben? Haben ihr tägliches Brot gegessen, sauer verdient, Wegzehrung, mit dem Geschmack des Lebens versehen. Das Tischgebet wurde vor jeder Mahlzeit gesprochen. Und keiner stand auf, bevor nicht der Dank für Speis und Trank gen Himmel aufstieg.
Alles an diesem alten Tisch.
Wenn er sprechen könnte, erzählte er von Menschen, deren müde Köpfe auf seine Platte sanken. Oder von fröhlichen Runden. Geburtstagsfeiern, Weihnachtsfesten, Familienjubiläen. Er wurde immer gebraucht und steht bis heute in der Mitte. Er hat seine Geschichte. Sie ist mit Gott verbunden. Sie wie die unsere auch. Und wenn wir uns heute, Sie und ich, je an den Tisch setzen, danken wir dafür, dass wir es im Frieden tun können.