Eric Rodriguez, Miteigentümer einer Desinfektionsfirma, desinfiziert den Tresen in dem Gasthaus "The Galley".
Desinfektion am Tresen in einer Gaststätte während der Corona-Pandemie Bildrechte: picture alliance/dpa/Tampa Bay Times via ZUMA Wire | Scott Keeler

EU-Verfahren Alkohol zum Trinken, aber nicht als Desinfektionsmittel?

03. April 2025, 12:00 Uhr

Es klingt absurd: EU-Vorgaben könnten zum Verbot ethanolbasierter Desinfektionsmittel oder Farben führen, während Alkohol als Genussmittel erlaubt bleibt. Chemie- und Pharmaindustrie sowie Ärzte schlagen Alarm. Die EU-Kommission verspricht eine pragmatische Lösung.

Der Verband der Chemischen Industrie in Deutschand (VCI) befürchtet Schlimmes durch ein EU-Verfahren zur Neubewertung von Ethanol (Alkohol) auf Gesundheitsrisiken. Das zuständige Prüfamt der EU hat dazu im vergangenen Jahr der Chemikalienagentur ECHA einen Vorschlag gemacht.

Demnach droht eine Hochstufung in die Gefahrenkategorien 2 (Verdacht auf schädliche Wirkung) oder 1 (nachgewiesene schädliche Wirkung) – vor allem wegen der CMR-Eigenschaften von Alkohol (krebserzeugend, erbgutverändernd, fruchtschädigend). Das könnte weitreichenden Folgen für die Chemieindustrie und Gesundheitsbranche sowie andere Bereiche haben.

Bundesregierung will praxisgerechte Lösung

Die Bundesregierung hat nach eigenen Angaben in dem Verfahren zu Ethanol unter der EU-Biozid-Verordnung und Chemikalien-Verordnung (CLP) die Belange des Gesundheitswesens im Blick und setzt sich für sinnvolle und praxisgerechte Lösungen ein. Das federführende Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) teilte MDR AKTUELL Anfang April mit, zum Verfahrensstand könnten keine Angaben gemacht werden. Laut BMUV sind neben Lebensmitteln auch Kosmetika von der CLP-Verordnung ausgenommen.

Auch das BMUV betont, im Vergleich zu anderen Alkoholen zeige Ethanol eine überlegene Wirksamkeit als Desinfektionsmittel und sei praktisch nicht zu ersetzen.

Chemiebranche fürchtet negative Folgen in vielen Bereichen

Das brandneue Gebäude der Europäischen Chemikalienagentur ECHA. Das moderne Gebäude umfasst ein altes Werkstattgebäude aus rotem Backstein.
Sitz der European Chemical Agency (ECHA) in Helsinki Bildrechte: IMAGO/Dreamstime

Die Chemiebranche warnt vor verschärften EU-Auflagen zur Nutzung von Ethanol als bioziden Wirkstoff und chemischen Grundstoff. So steht der Einsatz von Ethanol als bewährtes Desinfektionsmittel in Frage bis hin zum möglichen Verbot. Dazu läuft bis Ende April bei der ECHA eine öffentliche Konsultation zu Alternativen für Ethanol.

Laut VCI würden sich höhere Risikoklassen bei den Herstellern auf viele Produkte mit Ethanol auswirken. Neben Desinfektionsmitteln würde das auch gängige Industriechemikalien treffen, infolge automatischer Kopplungen an die neue Einstufung. Darunter könnten demnach auch ethanolhaltige Farben, Lacke und Haushaltsmittel fallen. Zudem müssten Arbeitsschutzauflagen verschärft werden. Die Chemieindustrie fordert, den Automatismus zu stoppen und "unverhältnismäßige Auswirkungen zu vermeiden".

Mediziner warnen vor Schildbürgerstreich: Ethanolhaltige Desinfektionsmittel unverzichtbar

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wittert einen Schildbürgerstreich der EU. Allen sei klar, dass "Ethanol ein zentraler Wirkstoff für die Hand- und Flächendesinfektion in Praxen und Krankenhäusern ist". Die WHO liste Alkohol als "unverzichtbares Arzneimittel".

Mitarbeiter in einem Bio-Ethanol-Werk überwacht die Produktion
Ethanol-Produktion im PCK Schwedt Bildrechte: picture-alliance/dpa/Patrick Pleul

KBV-Vizechef Stephan Hofmeister erläutert in einem Bericht, die mögliche Gefährdungsbeurteilung der EU basiere auf der toxischen Wirkung von Alkohol, wenn er getrunken werde. Deshalb werde Ethanol in Desinfektionsmitteln vergällt, um ihn ungenießbar zu machen. Auch Hofmeister mahnt: "Es gibt keine Substanz, die Ethanol als Desinfektionsmittel in auch nur annähernd vergleichbarer Wirkung und Verfügbarkeit ersetzen könnte."

Ärzte-, Apothekerverbände sowie die Krankenhausgesellschaft haben die Bundesregierung aufgerufen, bei einer neuen Gefährdungsbeurteilung den Anwendungsbereich zu berücksichtigen.

Pharmabranche schläg Alarm

Ebenso wenden sich 14 Verbände der Gesundheitswirtschaft gegen die geplante Einstufung von Ethanol als gefährlichen CMR-Stoff. Progenerika etwa warnt vor Folgen neben dem Infektionsschutz auch für die Arzneimittelproduktion und somit für die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Hersteller.

Reinigungskraft Olga Kelsch zieht sich vor dem Betreten des Schockraums Handschuhe an.
Alkoholhaltige Desinfektionsmittel gelten als Standard in der Krankenhaushygiene. Bildrechte: picture alliance/dpa | Philipp von Ditfurth

Ethanol sei Bestandteil in vielen pharmazeutischen Prozessen – als Lösungs- und Reinigungsmittel bei der Herstellung von Arzneimitteln, in der Laboranalytik oder als Konservierungs- oder Extraktionsmittel. Außerdem wirke Ethanol umfassend gegen Bakterien und Viren, darunter auch besonders widerstandsfähige wie Polioviren oder Noroviren. Es spiele eine Schlüsselrolle im Infektionsschutz in Krankenhäusern, aber auch etwa in der Tierhaltung.

Am Ende entscheidet die EU-Kommission

Vertreter der Union machen in Brüssel Druck. Die Europaabgeordneten Andrea Wechsler und Christine Schneider von der konservativen EVP-Fraktion wurden Ende März bei der EU-Kommission vorstellig. Die CDU-Politikerinnen sprachen mit Oliver Varhelyi, Kommissar für Gesundheit und Tierwohl.

Wechsler pochte auf eine "faktenbasierte und pragmatische Regulierung". Die Klassifizierung von Ethanol in industriellen und biotechnologischen Bereichen dürfe sich nicht an  der Alkoholmissbrauchsforschung orientieren. EU-Kommissar Varhelyi versprach, den Fall mit höchster Priorität zu prüfen, um negative Folgen zu vermeiden. Ein Abschluss des Verfahrens wird für 2025 erwartet.

VCI, KBV, Progenerika, RND (ans)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN RADIO | 04. April 2024 | 15:27 Uhr

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