
Rechtsterrorismus "Sächsische Separatisten" trafen österreichische Neonazi-Größe
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04. April 2025, 06:00 Uhr
Die mutmaßlichen Rechtsterroristen der "Sächsischen Separatisten" haben weitreichendere Verbindungen in Österreichs rechtsextreme Szene, als das bislang bekannt war. Das zeigen Ermittlungsakten die von DER SPIEGEL, STANDARD und MDR INVESTIGATIV eingesehen werden konnten.
- Mehrere mutmaßliche Mitglieder der "Sächsischen Separatisten" haben sich in Wien mit einer "Schlüsselfigur" der österreichischen Neonaziszene getroffen.
- Der Wiener ist ein alter Bekannter des Vaters des mutmaßlichen Anführers der "Sächsischen Separatisten" und wurde mehrfach wegen "nationalsozialistischer Wiederbetätigung" verurteilt.
Recherchen von DER SPIEGEL, STANDARD und MDR INVESTIGATIV haben ergeben, dass die Verbindungen der mutmaßlichen rechtsextremen Terrorgruppierung "Sächsische Separatisten" in Österreichs rechtsextreme Szene weitaus umfangreicher sind als bislang bekannt.
Schalldämpfer an Sprengstoffexperten verkauft
Das österreichische Magazin DATUM und MDR INVESTIGATIV hatten im Februar berichtet, dass Jörg S., laut Bundesanwaltschaft mutmaßlicher Anführer der "Sächsischen Separatisten" einen Schalldämpfer an einen Sprengstoffexperten aus Österreich verkauft haben soll. Der mutmaßliche Käufer ist auch für das österreichische Innenministerium aufgetreten und soll ebenfalls Verbindungen in die rechtsextreme Szene Österreichs haben.
Akten, die von dem Rechercheteam eingesehen werden konnten, zeigen nun, dass sich die Brüder Jörg und Jörn S. im August 2023 mit dem österreichischen Neonazi Gottfried Küssel in Wien getroffen haben sollen. Ermittler rechnen die beiden Brüder dem Kern der Sächsischen Separatisten zu. Sie werden von der Bundesanwaltschaft der Gründung und der Mitgliedschaft in der Gruppe beschuldigt.
Treffen mit Neonazi-"Schlüsselfigur" in Wien
An dem Treffen in Wien sollen laut Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden auch Eleni K., die Lebensgefährtin von Jörg S., sowie der jüngste, zum damaligen Zeitpunkt noch minderjährige Bruder und die Mutter der Familie S. teilgenommen haben. Gegen die Lebensgefährtin und den dritten Bruder ermitteln die Behörden ebenfalls wegen ihrer Beteiligung an der mutmaßlichen Terrorgruppe. Österreichische Ermittler hatten die Zusammenkunft mit Küssel in Wien observiert, konnten jedoch nicht feststellen, worum es bei dem Treffen ging.
Küssel ist eine namhafte österreichische Neonazigröße, die in den 1980er-Jahren die rechtsextreme Gruppierung "Volkstreue außerparlamentarische Opposition" (VAPO) gegründet hatte. Die militante Organisation betrachtete sich selbst als "Kampfgemeinschaft" und orientierte sich eng an der NSDAP. 1994 wurde Küssel wegen "nationalsozialistischer Wiederbetätigung" vom Landesgericht für Strafsachen Wien zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. 1999 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen. Das Dokumentationszentrum des österreichischen Widerstands bezeichnet den Wiener als "eine Schlüsselfigur der neonazistischen Szene in Österreich und Deutschland". 2013 wurde Küssel erneut wegen „nationalsozialistischer Wiederbetätigung“ zu fast acht Jahren Haft verurteilt. Er saß seine Strafe bis Anfang 2019 ab.
Familiäre Verbindungen zur "VAPO"
Der Vater der beschuldigten Brüder S., Hans Jörg S. junior, hatte für Küssels "VAPO" Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger Wehrsportübungen organisiert. Dafür wurde er 1995 ebenfalls zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt und kam 1999 vorzeitig frei. Hans Jörg S. junior siedelte danach von Österreich in den Großraum Leipzig um. In Behördenunterlagen, die SPIEGEL, STANDARD und MDR einsehen konnten, wird er vom Bundesamt für Verfassungsschutz als "Bindeglied zwischen der deutschen und österreichischen rechtsextremistischen Szene" bewertet.
Küssels Anwalt Michael Dohr antwortet SPIEGEL, STANDARD und MDR auf Nachfrage: "Mein Mandant hat mit den Sächsischen Separatisten nichts zu tun und mit wem er sich privat trifft oder nicht, geht nun wirklich niemanden etwas an."
Der Anwalt von Jörn S. wollte es sich auf Nachfrage stellvertretend für seinen Mandanten nicht zum Sachverhalt äußern. Eine Anfrage an den Anwalt seines Bruders Jörg blieb unbeantwortet.