Polizeiarbeit Gewalt-Prävention in Leipzig: Rette dein Leben, nicht dein Handy!
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21. Januar 2024, 10:00 Uhr
Auch wenn er nicht so aussieht, weil die Uniform fehlt. Rico Reichel ist ein erfahrener Polizist. Der 49-Jährige ist mittlerweile nicht mehr auf Streife unterwegs, sondern in Schulen. Dort gibt er Gewalt-Präventionskurse. Bei einem in der Leipziger Adolph-Diesterweg-Schule haben wir ihm über die Schulter geschaut: Tipps und Tricks bei Attacken.
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- Polizist simuliert mit Schülern Attacken von Fremden und gibt Tipps, wie man aus der Situation wieder heraus kommen kann.
- Drei Fragen müssten vor einem Treffen mit Unbekannten mit "Ja" beantwortet werden.
- Warteliste: Präventionskurse sind sehr gefragt.
Mit einem Messer am Hals eines Schülers fragt Rico Reichel: "Was ist das Wertvollste, das du hast?“ "Mein Handy" sei dann so etwas wie die Standardantwort. Der Polizist und Leiter des Gewalt-Präventionskurses hat aber einen anderen Vorschlag: "Ist es nicht dein Leben?"
Leben statt Handy retten
Also empfiehlt er den Schülern der Adolph-Diesterweg-Schule in Leipzig-Sellerhausen: "Gebt das Handy her und rettet euer Leben." Der 49-Jährige hat an diesem Morgen 23 Mädchen und Jungen des Förderzentrums Lernen unter seinen Fittichen. Anschaulich erklärt er den Kids, was sie machen können, wenn sie mit Gewalt konfrontiert werden.
Dazu spielt er mit den Kindern, die sich in der Schul-Aula zum Präventionskurs versammelt haben, Rollenspiele. Und da gehört ein martialisch aussehendes Gummi-Messer ebenso zur Übungsausrüstung wie eine echt aussehende, aber ungefährliche Pistole.
Trick mit zweitem Geldbeutel
Es werden Szenen simuliert, die im Alltag passieren können. Wie die Messerattacke eines Drogensüchtigen in einer Straßenbahn, der mit einem Raub schnelles Geld machen will. Es sieht bedrohlich aus, wie sich Rico Reichel im Spiel dem 13-jährigen Christoph nähert. Jetzt gilt es, das Leben zu retten, nicht das Handy. Danach steige der Dieb in der Regel aus der Bahn aus.
Der Polizist erzählt, dass er seit einem selbst erlittenen Überfall gerne zwei Geldbeutel mitnimmt. Einen alten mit abgelaufenen Karten und Papier als Geldsimulation. Auf den Boden geworfen, greife der Räuber nach dem Geldbeutel. Und das Opfer könne sich entfernen.
Hilferufe sollten immer konkret an eine Person gerichtet werden, empfiehlt Rico Reichel. Etwa, wenn man von einem Fremden in der Bahn angefasst wird. Sonst wälze jeder die Verantwortung auf den Sitznachbarn ab. Wichtig auch: Das Opfer solle laut rufen. Und sich dann möglichst entfernen.
Obacht bei Blind Dates
Lockt ein Unbekannter mit einer Einladung auf ein Eis, sollte man sich unbedingt drei Fragen stellen: Weiß jemand, wo ich bin? Könnte ich in einer Notsituation Hilfe bekommen? Was sagt mein Bauchgefühl? Schon bei einem "Nein", sollte man die Einladung zum Blind Date ausschlagen.
Auch juristische Dinge und Fakten vermittelt Rico Reichel, der auch schon für das Bundesverteidigungsministerium arbeitete, den Jugendlichen. Mit 14 beginne die Strafmündigkeit, ab 18 sei man erwachsen, gelte aber noch bis 21 als Heranwachsender. Die Top Fünf der Leipziger Delikte bestehe aus Diebstahl, Beleidigung, Körperverletzung, Mobbing und Hausfriedensbruch.
Hausaufgabe für die Jugendlichen
Eine Hausaufgabe hat der ehemalige Ju-Jutsu-Sportler Rico Reichel noch für die 16 Mädchen und sieben Jungs zwischen 12 und 14 Jahren in petto: Sie sollen auf dem Schulweg und zurück nach Hause alle möglichen Hilfsstationen aufschreiben. Orte, wohin sie im Notfall flüchten könnten.
Vor ein paar Tagen ist mir einer hinterher gelaufen, der wollte mich belästigen, da bin ich in einen Laden gelaufen und dann rief ich 'Hilfe, Hilfe'.
So wie Lena, die 13-Jährige wurde abends einmal verfolgt: "Ich fahre allein mit dem Bus und der Bahn zur Schule und ich fühle mich dann ein bisschen komisch. Vor ein paar Tagen ist mir einer hinterher gelaufen, der wollte mich belästigen, da bin ich in einen Laden gelaufen, in dem viele Leute waren, und rief dann rief ich 'Hilfe, Hilfe'", berichtete sie MDR SACHSEN. So entkam sie der Situation.
Von Mobbing-Erfahrungen erzählt der ebenfalls 13-jährige Christoph, der aus Tschechien nach Deutschland kam: "Damals war ich in der 5. Klasse und ich war neu. Und sie sagten 'Scheiß Ausländer' zu mir, 'raus aus Deutschland'". Da habe er sich "richtig schlecht" gefühlt. Deshalb sei er in einen Sportverein gegangen und habe mit Ringen angefangen. Weil es aktuell mit der Gewalt schlimmer geworden sei, "ist es gut, dass die Polizei heute gekommen ist."
Große Nachfrage nach den Polizeikursen
Rico Reichel, der seit 2008 in Schulen geht, nennt die Ziele des Kurses: "Uns geht es vor allem darum, die Wirklichkeit der Kinder abzubilden. Wie läuft es draußen ab? Da ist unser Bus- und Bahn-Spiel ein Abbild der Realität. Kinder sollen Konflikte erkennen und lösen. Unser oberster Anspruch: Wie kann ich vermeiden Täter oder Opfer zu werden?"
Wir haben leider viel mehr Anfragen als wir Schulen bedienen können.
Er und und sein Kollege Oliver Berger arbeiten bei der Polizei Leipzig im Fachdienst Prävention. Bei der Prävention ist Jugendgewalt ein Schwerpunkt in der sächsischen Polizei. Beide geben Kurse im Umgang mit Gewalt und mit Medien. Vor Aufträgen kann sich das Duo kaum retten, sagt Oliver Berger: "Wir sind von Montag bis Freitag jeden Tag unterwegs. Wir haben leider viel, viel mehr Anfragen als wir Schulen bedienen können." Um der Nachfrage einigermaßen Herr zu werden, werden Präventionskonzepte verlangt: "Da hat man die Hürde etwas höher gelegt", so Berger.
Schulleiter Geitner: "Prävention lässt sich leider nicht messen"
Der Schulleiter der Adolph-Diesterweg-Schule, Christian Geitner, sagt: "Prävention lässt sich leider nicht messen. Aber wir sind überzeugt, dass es zu einem Kompetenzzuwachs kommt und die Teilnehmer auch als Multiplikatoren fungieren können." Sprache sei die erste Gewalt, meist ergebe sich aus dem gesprochenen Wort, einer verbalen Entgleisung eine körperliche Tat.
Hat die Gewalt unter Jugendlichen zugenommen? Rico Reichel und Christian Geitner sehen eine leichte Tendenz nach oben: "Betrachtet man die reinen Zahlen, also die Straftaten, die bei der Polizei ankommen, ging es von 2021 bis 2022 leicht bergauf", sagt Präventionspolizist Reichel. Allerdings seien die Straftaten nur ein Ausschnitt, es ließe sich nicht verallgemeinern.
MDR (cke)
Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 17. Januar 2024 | 19:00 Uhr