Nicolae Ceausescu (Staatspräsident Rumänien) in Bukarest, 1989.
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Rumänien Eine Revolution, die keine war?

20. Mai 2015, 05:00 Uhr

Als die Menschen in Polen, Ungarn oder in der DDR längst den Umsturz feierten, lief in Rumänien alles weiterhin nach sozialistischem Gang. Erst Mitte Dezember 1989 breiteten sich Demonstrationen gegen das Ceausescu-Regime übers ganze Land aus. Das Ende der Diktatur verlief ungemein blutig. Bei den Straßenkämpfen zwischen Armee und Zivilisten starben mehr als Tausend Menschen.

Eine Gruppe Flip-Flop tragender Jugendlicher lässt Stefan Munteanu nicht aus den Augen. Links und rechts pulsiert der Bukarester Verkehr auf einem mehrspurigen Boulevard, der auf die frühere Machtzentrale des einstigen rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu führt. Der Bau, in dem heute das rumänische Parlament residiert, ist von gigantischer Dimension und gilt als zweitgrößtes Haus der Welt. "Es ist einfach zu riesig, um es zu übersehen", spottet Touristenführer Munteanu. Würde man jeden der über 5.000 Räume nur eine Minute lang besichtigen wollen, wären dreieinhalb Tage vonnöten.

Der Palast gehört heute zu einer der Sehenswürdigkeiten der rumänischen Hauptstadt. Auch eine Gruppe junger britischer Touristen ist überwältigt von seiner Größe. Einer ruft: "Wir sind stolz auf Big Ben, und ihr könnt stolz auf euren Ceausescu-Palast sein". "Nicht ganz", verbessert Tourismusmanager Munteanu, "für viele Bukarester ist der Palast ein Hassobjekt." Während sich Ceausescu kurz vor der Wende einen sündhaft teuren Luxus-Bau leistete, steckte der Rest des Landes in einer tiefen Wirtschaftskrise. Strom und Heizung wurde auf wenige Stunden pro Tag reduziert. Nötigste Lebensmittel wie Brot, Butter, Fleisch gab es lediglich auf Ration. Wohin man blickte leere Geschäfte, "vor denen man stundenlang wartete, dass irgendeine Lieferung kam", sagt Munteanu.      

Die Revolution als Serien-Doku

Als man in Polen, Ungarn oder in der DDR längst den Umsturz feierte, lief in Rumänien alles weiterhin nach sozialistischem Gang. Noch im November 1989 ließ sich Machthaber Ceausescu für seine vermeintlichen Errungenschaften auf einem Parteitag feiern. Doch Mitte Dezember 1989 kam es in der westrumänischen Stadt Timisoara zu Protesten gegen die Strafversetzung eines Pfarrers. Die Demonstrationen, die sich auch gegen das Regime richteten, breiteten sich übers ganze Land aus. Bei den mehrtägigen blutigen Straßenkämpfen zwischen Armee und Zivilisten starben über Tausend Menschen, mehr als 3.000 wurden verletzt.

Ceausescu 4 min
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Vor dem Wohnblock der Munteanus fuhren nach dem Sturz des Ceausescu-Regimes mit Lautsprecher bestückte Lastwagen durch die Straßen, von denen die Bukarester aus aufgerufen wurden, die Revolution zu verteidigen. Tourismusmanager Stefan Munteanu kann sich daran nicht erinnern, wohl aber sein Vater Alexandru. Für den Straßenkampf hatte sich der Senior nicht gemeldet, weil er nicht wusste, "wer gegen wen kämpft". Vielmehr dichtete er seine Fenster mit Kopfkissen ab – ein improvisiertes Schutzschild, "um nicht womöglich zu Hause erschossen zu werden". Der 60-Jährige nennt sich rückblickend einen "Fernseh-Revolutionär", der die eigene Wende als eine Serien-Doku konsumierte: Die rumänische Revolution war spektakulär, weil sie nicht nur auf der Straße, sondern auch im Fernsehen stattfand. Politische Hinterbänkler des Ceausescu-Regimes verwandelten das staatliche TV-Studio in ihre Kommandozentrale, gaben vor laufender Kamera Befehle für die Straßengefechte und schürten panische Angst, dass angeblich ausländische Terroristen versuchen würden, die gestürzten Ceausescus wieder an die Macht zu bringen. Soldaten und bewaffnete Zivilisten schossen daraufhin auf jeden, der ihnen verdächtig vorkam. Nach der Revolution stellte sich die Nachricht von den Terroristen als Falschmeldung heraus. Die blutigen Gefechte hätten also verhindert werden können. Wer für die bewusste Irreführung verantwortlich ist, weiß man auch 25 Jahre nach der Wende nicht.

Wahrer Volksaufstand oder Staatsstreich?                                

Ungeklärt ist bis heute auch, ob "die Straßenkämpfe von bestimmten Drahtziehern inszeniert wurden, oder ob sie ein Selbstläufer waren", meint der Bukarester Historiker Bogdan Murgescu. Fest steht immerhin: Mit ihnen rechtfertigten die neuen Machthaber um Ion Iliescu die Todesurteile gegen Elena und Nikolai Ceausescus in einem äußerst fragwürdigen Schnellprozess. Am ersten Weihnachtsfeiertag erschossen Elitetruppen das Diktatorenpaar. Die Bilder der von Kugeln durchsiebten Leichen gingen um die Welt und sorgten für Entsetzen. Als Vater Alexandru Munteanu die Aufnahmen sah, spürte er hingegen Erleichterung darüber, "dass der Diktator erledigt war".

Wer heutzutage nach der Revolution in Rumänien fragt, bekommt wegen der offenen Fragen eine Menge Theorien zu hören. Die wenigsten sprechen von einem "wahren Volksaufstand". Die Mehrheit der Rumänen hält die Revolution für einen "Staatsstreich von Ceausescu-Dienern", die bis heute versuchen würden, die 1989er Ereignisse undurchsichtig zu halten. Auch die Hoffnung, dass die rumänische Justiz Licht ins Dunkel bringen würde, hat sich nicht erfüllt. Viele der Strafverfahren, mit denen die Täter für die zahlreichen Revolutionstoten ermittelt werden sollten, verliefen im Sande oder sind noch immer nicht abgeschlossen. "Es herrscht viel Galgenhumor über den 1989er-Aufstand", sagt der Bukarester Historiker Dragos Petrescu. "Wir reden einerseits von einer Revolution, weil über Tausend Menschen getötet wurden. Andererseits negieren wir sie, weil sie uns obskur vorkam. Das ist schmerzhaft, denn wir verspotten unseren Umsturz als ‚Revolution, die keine war‘."

Wenig Gerechtigkeit nach 1989

Alexandru Munteanu war zur Revolution etwa so alt wie sein Sohn heute. Er hat sich wie die meisten Rumänen unter dem Sturz des Regimes etwas anderes vorgestellt und nicht, dass der Aufstand lediglich die Ceausescu-Diener an die Macht spülen würde. Ein Teil der politischen Wendehälse hat heute noch Einfluss auf die Geschicke des Landes und lebt in Wohlstand, zu dem sie durch äußerst dubiose Geschäfte gelangt sind. "Es gibt in Rumänien das geflügelte Wort, dass die Kinder unserer Chefs, die Chefs unserer Kinder sein werden. Früher hat die Partei über die Posten entschieden, heute braucht man die richtigen Beziehungen, um Karriere zu machen. Ich hatte gehofft, es würde nach 1989 gerechter zugehen", sagt Munteanu verbittert. Nach der Wende wechselte der Ingenieur zu einem der größten Betriebe, der rumänischen Staatsbahn. Die ist inzwischen marode. Die wechselnden Regierungen haben nötige Reformen jahrelang aufgeschoben. Munteanu hatte Glück, dass er bei der jüngsten Massenentlassung nicht seinen Job kurz vor der Rente verlor. Statt Freude verspürt er Frust über die Politik der vergangenen Jahrzehnte. "Hoffnungen habe ich keine mehr, sondern nur noch Misstrauen in diesen Staat", sagt der Familienvater.

Junge Generation setzt auf Zeit

Seinem Sohn Stefan geht es da anders. Er hat den Enthusiasmus seines Vaters von vor einem Vierteljahrhundert. Der junge Mann bindet sich ein Pionierhalstuch um, schlägt ein vor der Wende verlegten Schulbuches auf. Auf der ersten Seite: das Konterfei von Ceausescu. "Wissen Sie, was wir als Schüler nach der Revolution 1989 gemacht haben? Wir haben mit Genuss diese Seite aus allen Büchern herausgerissen", erzählt Munteanu. Er musste lange nach einem Original-Buch suchen, in dem Ceausescu auf Seite eins überlebt hat. Die Touristen um ihn herum schmunzeln über die Episode.

Vor ein paar Jahren hat sich Munteanu als Tourismusmanager selbstständig gemacht und ein Start-Up-Unternehmen gegründet. Sein Geschäft brummt, weil immer mehr Ausländer die rumänische Hauptstadt als Reiseziel entdecken. Fragen ihn die Touristen nach seinem Alltag als Freiberufler, gibt er unumwunden zu, dass in den staatlichen Institutionen zumeist eine kommunistische Mentalität überlebt hat. Statt als Bürger werde man "als Belästigung empfunden", so Munteanu. Jeder weiß in Rumänien, dass Schmiergeld häufig die Lösung aller Probleme ist. Doch Munteanu hat – anders als sein Vater – noch die Hoffnung, "dass sich diese Einstellung mit der Zeit rauswächst". Über zwei Millionen Rumänen haben diese Hoffnung nicht mehr. Sie sind seit der Wende nach Westeuropa gegangen. Stefan denkt nicht ans Auswandern, obwohl er jung genug ist, um sich in Westeuropa eine Karriere aufzubauen. "Warum  bleiben Sie?", fragt ihn einer aus der Reisegruppe. "Weil ich neugierigen Touristen nun mal gern erkläre, wie mein Land tickt."

Über die Autorin geboren 1971 in Hildburghausen
Studium der Journalistik und Psychologie in Leipzig und Edinburgh (Schottland)
freiberufliche Journalistin für MDR, DeutschlandRadio und eurotopics
lebt in Bukarest und Leipzig

Dieser Artikel wurde zuerst am 20.05.2015 veröffentlicht.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV 24.11.2019 | 18.00 Uhr